Effi Briest (2009)
Effi Briest (2009)
Oder: Eine Frau geht ihren Weg
Die siebzehnjährige Effi Briest (Julia Jentsch) kommt aus gutem preussischen Hause und geniesst eine unbeschwerte Jugend. Als der zwanzig Jahre ältere Baron von Instetten (Sebastian Koch), ein früherer Geliebter von Effis Mutter (Juliane Köhler), um Effis Hand anhält, ist ihre unschuldige Kindheit auf einen Schlag vorbei. Instetten, der sich voll und ganz seiner politischen Karriere widmet, wird nach Kessin an die Ostsee beordert. In diesem verschlafenen Städtchen wird Effi von Langeweile und furchteinflössenden Spukgeschichten geplagt.
Einzig beim Apotheker Gieshübler (Rüdiger Vogler) findet sie Gehör. Als der charmante Major Crampas (Misel Maticevic) auftaucht, verändert sich Effis Leben. Sie beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit dem alten Regimentskameraden Instettens. Die heimliche Beziehung endet, als Baron von Instetten nach Berlin berufen wird. Doch gerade als Effi in der weltoffenen Hauptstadt ihr Glück und ihre Leichtigkeit wiedergefunden zu haben scheint, wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt.....
Kinofilm-Rating
Das Gesellschaftsporträt Theodor Fontanes über das wilhelminische Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts hat bereits zahlreiche Verfilmungen hinter sich. Dennoch ist es bereits 34 Jahre her, als zuletzt Rainer Werner Fassbinder seine Version der Effi Briest erschuf. Nun ist es nach einer Generation Unterbruch zur fünften Neuauflage des Klassikers gekommen. Mit wiederholten Neuadaptionen von grossen literarischen Werken verhält es sich wie bei einem Freund, der zum unzähligsten Male einen Stevie-Wonder-Song in der Karaoke-Bar vorsingt: trotz allen Überdrusses hört man dennoch hin, weil man das Original nur allzu gut kennt und schätzt. Den Versuch einer Neuauslegung hat nun mit Regisseurin Hermine Huntgeburth (Die Weisse Massai) erstmals eine Frau getätigt.
Die Regisseurin ist zwar der Grundhandlung gefolgt, hat sich aber gleichzeitig vieler Details und Figuren entledigt. Sie hat sich bemüht, den Klassiker in die heutige Zeit zu übersetzen, indem sie eine Coming-of-Age-Story mit preussischem Bühnenbild erschaffen hat. Julia Jentsch verkörpert als Effi eine moderne, emanzipierte Frau, die ihrer Zeit voraus unter den gesellschaftlichen Konventionen leidet, aber nicht wie bei Fontane daran zerbricht, sondern stärker wird. Sie ist der Mittelpunkt der Geschichte, mit deren aufgeklärten Ansichten man sich kompromisslos identifiziert. Die Nebenfiguren entschwinden in diesem Sog so stark in die zweite Reihe, dass die differenzierte Sichtweise Fontanes dabei arg strapaziert wird. Einzig Sebastian Koch als charmant unheimlicher Ehemann und Juliane Köhler als Effis Mutter mit doppelbödiger Moral vermögen diesem Strudel zu entrinnen. Geblieben sind die Andeutungen und Widersprüche der Vorlage.
Mit Effi Briest kriegt man einen pompösen Kostümfilm serviert, der die Detailversessenheit wortwörtlich in den Hintergrund rücken lässt. Das 19. Jahrhundert Deutschlands lebt regelrecht wieder auf und Berlin wurde selten schöner präsentiert. Aber gerade die Kombination von elegant preussischer Aufmachung und Effis urplötzlich liberalen Geistesblitzen lässt den Film nicht selten knapp am Seifenopernkitsch vorbeischlittern.
Regisseurin Hermine Huntgeburth ist es gelungen, einen Klassiker cineastisch so umzusetzen, dass man nicht das Gefühl hat, ein Buch zu sehen, beziehungsweise einen Film zu lesen, und trotzdem vermisst man Fontanes Tiefgang, und Effis bohemischer Rollentausch wirkt zuletzt etwas gar aufgesetzt. Huntgeburth hat Effi Briest zweifellos einen innovativen Hauch verliehen und dennoch sehnt man sich nach der Dramatik des Originals. Es ist ein bisschen wie eine solide Interpretation eines Stevie-Wonder-Hits im Karaoke. Zudem fragt man sich, welche Früchte die momentane Verfilmungswelle von deutschen Klassikern der Literatur denn noch hervorbringen wird.
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