Dharavi, Slum for Sale (2009)

Dharavi, Slum for Sale (2009)

Oder: Der Elefant erwacht

Dharavi, Slum for Sale

Da ist was los in der Gasse

Fast eine Million Menschen leben in Mumbai im zwei Quadratkilometer grossen Slum Dharavi zusammen. Jeden Tag kommen tausende neue dazu. Die Stadt boomt und mit ihr explodiert die Bevölkerung. Bereits die Hälfte der 20 Millionen Einwohner lebt in Slums unter erbärmlichen Bedingungen. Die Infrastruktur in solchen Slums ist katastrophal, die Schuleinrichtungen nur marginal vorhanden. Doch das Sumpfgebiet zwischen Verkehrsachsen und dem neuen Finanzzentrum ist begehrter denn je. Privatinvestoren reissen sich um Sanierungsprojekte rund um die Slums, und die Behörden verteilen erleichtert die Baubewilligungen. Die Verantwortung geben die Politiker noch so gerne in fremde Hände.

Dharavi, Slum for Sale

Faszinierende Dächerlandschaft

Das Filmteam begleitet Mukesh Mehta auf seiner Sanierungs-Mission. Mehta, ein angesagter Architekt und reicher Mann in Mumbai, kam vor zehn Jahren in seine Heimat Indien zurück und arbeitete am Monsterprojekt Dharavi. Doch während er Politiker und Bauherren für sein Sanierungsplan gewinnen kann, macht sich bei den Slumbewohnern Unmut breit. Sie glauben nicht, dass ein Mann eine derartige Leistung erbringen kann. Ausserdem fürchten sie alles zu verlieren, was sie sich in ihrem Slum, mittlerweile ein pulsierendes Gewerbeviertel, erarbeitet haben.


Kinofilm-Rating

Dharavi ist eine pulsierende Submetropole in der Megacity Mumbai. Der Film von Lutz Konermann zeigt die Slums in Indien aus einer ganz anderen Perspektive, als wir dies gewohnt sind. Nichts erinnert an Gewalt, Drogen oder Prostitution. Es gibt weder einen gejagten Slumdog, noch verklärte Bollywood-Romantik. Aber das soll nicht heissen, dass der Film keine Emotionen auslöst. Ein Mädchen aus dem Slum berichtet zum Beispiel von seinem Leben. Unglaublich zielstrebig ist sie, geht im Slum zur Schule, organisiert die Familie. Sie redet vor der Kamera, als ob das Filmteam täglich bei ihr zu Gast wäre. Viel können sie und ihre Geschwister den Gästen nicht bieten: eine Wellblechhütte, bis zur Unendlichkeit dekoriert und einen flimmernden Fernseher, mehr gibt es nicht neben dem Abfallberg der Stadt, wo sie wohnt. Doch die Zufriedenheit, die sie als Slumbewohnerin ausstrahlt, fängt jeden Zuschauer ein. Schlussendlich hat sie nämlich die gleichen Wünsche und Träume wie ein westliches Mädchen.

Konermann rückt das Sanierungsprojekt von Architekt Mukesh Mehta in den Vordergrund und begleitet dessen Mission. Ein Schwenk in den neuen Finanzdistrikt hoch oben in einem Büro zeigt uns dasselbe, wie die Börsen dieser Welt: Mumbai boomt, und die ganze Welt will am Wirtschaftserfolg teilnehmen. Kronermann lässt dem Visionär Mukesh Mehta Zeit, seine Ideen zu predigen. Das Projekt tönt überzeugend, die Wohnblöcke höher zu bauen, Fläche zu schaffen für die reichen Mieter, die sich um das Dharavi-Gebiet reissen werden. Das Wohl der Armen sei sein grösstes Anliegen, meint Mehta. Man glaubt ihm. Für seine Leute ist er der Mann der Stunde. Die Kamera immer nahe dran. Ob beim Chocolate-Fudge-Cake-Essen mit seinen Mitarbeitern oder bei seinem Kreuzzug durch die Slums: Mehta wird im Film genug Plattform geboten, sich zu verkaufen.

Doch dann ein Situationswechsel: Slumbewohner werden porträtiert. Sie alle leben schon Jahre in Dharavi, haben sich eine Existenz aufgebaut und gehen ihren Berufen nach. Man merkt endlich, in dieser Doku hat es Platz für alle Stimmen. Das Wort wird auch jenen übergeben, die eine Umsiedelung hinter sich haben und nun anstatt in einer Hütte auf dem Abfall schlafen müssen. Oder Aktivisten, die sich für Dharavi einsetzen. Und auch Gewerbebetreiber werden begleitet und können ihre Meinungen kundtun.

Die Stimmung in Dharavi wird auf beeindruckende Weise eingefangen. Immer mehr Menschen lehnen sich gegen das Projekt, das ihnen so viel verspricht, auf; es gibt Demonstrationen und Proteste, angeführt von respektierten Persönlichkeiten im Slum. Eindrückliche Bilder wechseln sich mit spannenden Aussagen ab.

Kronermann ist bei Dharavi-Slum for Sale eine Dramaturgie gelungen, die diesen Dokumentarfilm spannend bis zum Schluss macht. Vielleicht gibt er dem Architekten Mehta zu viel Platz im Film. Denn vielmehr interessiert unsereins im Westen das Leben der Slumbewohner und wie sich die Slums zu einem dynamischen Wirtschaftszweig gemausert haben. Auf jeden Fall hat Kronermann, zusammen mit der Schweizer Filmproduktion Hugofilm productions, die mit Vitus ihren Durchbruch schaffte, hier einen schönen und aufrüttelnden Dokumentarfilm produziert, der es uns erlaubt, einen Fuss in die Tür zu einer völlig anderen, aber irgendwie doch vertrauten Welt zu schieben und so einen Ausschnitt des vielseitigen Lebens im Osten zu sehen.

5.0 Sterne
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4.54.5
21.05.2010 / riw