Coeur animal (2009)
Coeur animal (2009)
Oder: He! Allez! T'es fou?!
Der Bergbauer Paul (Olivier Rabourdin) führt einen kleinen Hof auf einer abgeschiedenen Schweizer Alp. Seinen täglichen Frust lässt er allzu gerne körperlich an seiner Frau Rosine (Camille Japy) aus. Seine Tiere hingegen behandelt er überaus liebevoll. Um die Arbeit auf dem Hof besser bewältigen zu können, heuert Paul schliesslich den spanischen Saisonarbeiter Eusebio (Antonio Buil) an - fortan ändert sich das triste Bergleben, denn Eusebios Charme mag sogar die eingeschüchterte Rosine etwas auftauen.
Pauls Eifersucht steigert sich ins Unermessliche. Als Rosine eines Tages vor Schmerzen zusammenbricht, beschliesst Eusebio, sie aus den Fängen des Bergbauers zu retten und mittels der Bergwacht ins Spital zu befördern. Paul ist noch einsamer als vorher und sieht sich mit seinen intimsten Ängsten und Fehlern konfrontiert. Kann er Rosine endlich zeigen, was er für sie empfindet und sie zurückgewinnen?
Kinofilm-Rating
Das auf dem Buch "Rapport aux bêtes" basierende Spielfilm-Debut von Séverine Cornamusaz wurde mit dem diesjährigen Schweizer Filmpreis ausgezeichnet und konnte sich gegen Favoriten wie Cargo und Giulias Verschwinden durchsetzen. Cornamusaz' Drama um den cholerischen Bauern und seine gepeinigte Frau brilliert primär mit wuchtigen Bildern.
Die Ausgangslage könnte zwar nicht klischeehafter sein, und zu Beginn wirkt die rüpelhafte Art des Bergbauern Paul ziemlich "over the top". Aber sofort prägen sich die Bilder der kargen Berglandschaft ein, und Coeur animal wird zu einem visuell überzeugenden Drama, zu einem Gefangensein in der Psyche der Charaktere. Mit wenig Dialog, aber gezielten Gesten oder simplen Blickwechseln baut der Film eine klaustrophobische und unerträgliche Spannung auf. Paul ist kein Mann grosser Worte, Rosine (Camille Japy) wehrt sich fast nicht mehr und schweigt. Zu ihr ist er kalt, zu seinen Tieren überaus liebevoll. Genau in diesem Stil fährt die Geschichte in kurzen und prägnanten Szenen fort. Camille Japy verleiht Rosine eine fragile Schönheit, die beim Zuschauer sofort Mitleid hervorruft. Eindrücklich ist ebenfalls Antonio Buil in der Rolle des Saisonarbeiters Eusebio - auf der einen Seite stellt der den Auslöser für die Klimax dar, auf der anderen Seite die rettende Hand für Paul.
Wo die einzelnen visuellen und schauspielerischen Elemente des Dramas überzeugen, hapert's ein wenig an der Logik der Erzählung. Pauls viel zu schnelle Wandlung in einen verständnisvollen Ehemann wirkt plump und überraschend. Cornamusaz' Absicht, als Zuschauer Mitleid für den Bergbauern empfinden zu können, gerät mit dem unglaubwürdigen Wandel ins Abseits. Schlussendlich fehlt zum allgemeinen Verständnis die Vorgeschichte der beiden Eheleute - wie sollte sich Rosine überhaupt in einen solchen Mistkerl verliebt haben? Coeur animal lässt hier nur vermuten und schmälert dadurch die Tiefe der Charaktere sowie die Glaubhaftigkeit.
Fazit: Séverine Cornamusaz präsentiert uns mit Coeur animal ein kompromissloses und düsteres Schweizer Drama. Der erwartete Schlag in die Magengrube bleibt zwar aus, auch wenn die schauspielerische Leistung und die Szenerie nahezu perfekt sind. Ob am Schluss die Hoffnung über jegliche psychische und physische Misshandlung siegt, bleibt dem Zuschauer überlassen.
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