Capitalism: A Love Story (2009)
Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte
Capitalism: A Love Story (2009) Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte
Oder: More from Moore!
Der amerikanische Traum - Millionen hoffen, ihn zu verwirklichen, die wenigsten schaffen es jemals. Noch schlimmer: Viele Amerikaner leiden unter den teilweise bizarren Auswüchsen des Kapitalismus. So zum Beispiel eine Familie, die gezwungen wird, ihr Heim zu verlassen, das sie sich 20 Jahre lang aufgebaut hat. Oder eine Ehefrau, die ihren Mann verliert und dann erfährt, dass die Bank, für die er gearbeitet hat, eine fürstliche Versicherungssumme für ihn kassiert, ohne auch nur einen Rappen an die hohen Beerdigungskosten beizusteuern. Oder schliesslich ein Pilot, der trotz seiner hohen Verantwortung so wenig verdient, dass er gezwungen ist, einen Nebenjob auszuüben.
Dies sind nur drei von unzähligen Beispielen, die Zweifel aufkommen lassen, ob der Kapitalismus, wie seit Ende des Zweiten Weltkriegs gepredigt, wirklich der Weg zu mehr Glück, Wohlstand und Zufriedenheit für die ganze Bevölkerung sei. Doch was ist falsch am Kapitalismus? Warum sind die Menschen Geiseln der grossen Konzerne? Warum gibt es so viele Opfer und so wenig Nutzniesser? Brennende Fragen, die Michael Moore nicht unbeantwortet lassen will - weswegen er auf der Suche nach Antworten quer durch Amerika reist.
Kinofilm-Rating
Herbst 2008: Die weltweite Finanzkrise nimmt ihren üblen Lauf, und die Zeitungen überbieten sich täglich mit Schreckensmeldungen. Wer kann es da Michael Moore vergällen, wenn er dies als Anlass nimmt, in seinem neuen Film einen weiteren Köcher voller Giftpfeile loszufeuern gegen alles, was irgendwie nach Bankbonzen im dicken Mercedes riecht? Schliesslich ist dies seit seinem ersten Film vor 20 Jahren, Roger & Me, sein Leib- und Magenthema. Moore zitiert seinen Erstling in Capitalism denn auch mehrmals.
Seine ironisch betitelte "Liebesgeschichte" ist - mal wieder - weniger ein Dokumentarfilm als eine wilde Polemik (seine Gegner würden wohl sagen: Propaganda) gegen die mächtige Wirtschaftswelt. Und in vielen Punkten hat er Recht. Wie kein anderer versteht er es, den Finger auf wunde Punkte zu legen und darin zu stochern, dass es nicht nur aufrüttelnd, sondern auch hochgradig unterhaltsam ist. Natürlich geht er auch diesmal wieder auf höchst manipulative Weise ans Werk. Will heissen, blendet konsequent aus, was nicht ins Konzept passt oder pickt willkürlich Einzelschicksale heraus und schliesst daraus aufs Ganze.
Doch von Moore lässt man sich gerne manipulieren. Einige Szenen sind nicht nur originell und sehr witzig, sondern bringen auch die Verlogenheit gewisser gesellschaftlicher und politischer Mechanismen pointiert auf den Punkt. Spätestens wenn er gegen Schluss Regierungs- und Wirtschaftsgebäude mit einem "Crime Scene"-Band absichert, muss man laut herauslachen und ihm Respekt zollen für seine dreiste Aktionitis.
Natürlich gibt's tausend Dinge, die man Moores Pamphlet auch diesmal wieder vorwerfen kann. Sein strikt schwarzweisses Weltbild beispielsweise, die simple Unterscheidung zwischen Gut (= die kleinen Krüppler) und Böse (= die Mächtigen). Wenn Moore sich zudem wiedermal auf George W. Bush einschiesst, ist das zwar ein dankbares Ziel, das er aber in Fahrenheit 9/11 erschöpfend abgehandelt hat. Wenn er schliesslich Obama als Heilbringer feiert und Demokratie als Antwort auf den Kapitalismus postuliert, dann ist das nichts weiter als populistische Parolenschreierei.
Aber nun ja. Moore ist Moore. Das ist Vor- und Nachteil zugleich. Denn mittlerweile werden seine Filme wohl hauptsächlich von denjenigen geschaut, die seine Meinung ohnehin teilen und von allen Übrigen abgelehnt. Etwas allerdings ist bei Capitalism im Vergleich zu seinen Vorgängern neu: Moore ist mittlerweile kein Nobody mehr, sondern ein bekanntes Gesicht. So wissen die Bodyguards und Türsteher, an denen er sich bei seinen Aktionen jeweils vorbeischmuggeln will, ganz genau, wen sie vor sich haben. Und nehmen dies mit einem gelassenen Schmunzeln zur Kenntnis. Erfolg hat halt auch seine Nachteile.
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