Antichrist (2009)
Antichrist (2009)
Oder: Chaos regiert!
Ein Mann (Willem Dafoe) und eine Frau (Charlotte Gainsbourg) haben Sex. Wilden, ungezügelten, leidenschaftlichen Sex. So leidenschaftlich, dass die beiden dabei vergessen, auf ihren kleinen Sohn zu achten, der zuerst auf den Tisch krabbelt, dann auf den Fenstersims, von dort in die Tiefe stürzt und sofort stirbt. Dieser schmerzliche Verlust des eigenen Kindes macht beiden stark zu schaffen, aber vor allem sie droht daran zu zerbrechen. Da trifft es sich ganz gut, dass er Psychiater ist, so kann er seine Frau gleich selbst therapieren. In einer Reihe von Übungen und Rollenspielen versucht er, sie dazu zu bringen, sich ihrer Ängste bewusst zu werden.
Dabei zeigt sich, dass der Ort, an dem sie die grösste Angst verspürt, der Wald ist, genauer gesagt "Eden", ihre abgelegene Ferienhütte. Da man sich seinen Ängsten bekanntlich stellen sollte, machen sich die beiden auf den Weg nach Eden. Doch dort angekommen, scheint alles noch viel schlimmer zu werden. Umgeben vom mächtigen Reich der Flora und Fauna, vernebelt der Verstand beider zusehends. Was ist der Ursprung der Ängste? Ist Mutter Natur am Ende die Quelle alles Bösen?
Kinofilm-Rating
Das ist er also, der mit Spannung erwartete neue Film von Lars von Trier nach einer Schaffenspause von drei Jahren. Der Regisseur bezeichnet Antichrist als wichtigstes Werk in seiner schon über 25-jährigen Karriere. Möglich, dass dies einfach das übliche PR-Blabla ist, das halt gerne so in Presseheften steht. Doch angesichts dieses beängstigenden Filmes ist man geneigt, es ihm abzunehmen.
Sein Film ist gegliedert in einen Prolog, vier Hauptteile sowie einen Epilog. Schon nach wenigen Sekunden wird der Zuschauer in einer expliziten Sexszene zum Voyeur gemacht. Dies ist nicht überraschend, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass von Trier schon seit längerem mit Porno geliebäugelt und entsprechende Elemente auch immer wieder in seine Filme (wie beispielsweise Idioterne) eingebaut hat. Ein Porno ist Antichrist allerdings nicht, auch wenn Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe sehr viel nackte Haut zeigen und an teilweise bizarren Sexszenen nicht gespart wird. Es ist eher ein beunruhigender Psychothriller, der mit den Ängsten der Protagonisten gleichermassen wie mit denjenigen des Zuschauers spielt.
Nach dem mit einer Opernarie unterlegten Intro beginnt der Film als intensives psychologisches Kammerspiel zwischen Gainsbourg und Dafoe. Es gibt weder Nebenrollen, noch haben die Hauptcharaktere einen Namen. Sie heissen lediglich "Sie" und "Er", verkörpern also gewissermassen die Universal-Frau und den Universal-Mann. Zusammen spielen sie ein perfides Spiel um Dominanz und Unterdrückung. In den ersten zwei Teilen des Filmes passiert relativ wenig, mit Ausnahme einiger unheilsschwangeren Traumsequenzen. Im dritten und - deutlich kürzeren - vierten Teil wandelt er sich aber dann zum Ekel- und Horror-Thriller, der mit einigen sehr, sehr unappetitlichen Szenen aufwartet, die schon beim Zuschauen physisch schmerzen. Ob es wirklich nötig gewesen wäre, bei diesen Szenen konsequent voyeuristisch, im Hostel- oder Saw-Stil mit der Kamera draufzuhalten statt wegzuschwenken - nun ja. Darüber lässt sich streiten. Aber dies ist wohl Konzept. Denn von Trier hat seinen Film als Alptraum inszeniert. Und in Alpträume gehören nun mal Szenen, die man niemals zu sehen wünscht.
Mit Antichrist hat Lars von Trier seine eigene Depression verarbeitet. Das Resultat ist ein verstörender, vor Symbolik triefender Film um menschliche Urängste und die Gewalt der Natur, der Raum lässt für eine Vielzahl von Interpretationen. Er enthält Szenen, die einem Horrorstreifen der modernen Generation alle Ehre machen würden. Ein kontroverses Werk, das dem Kritiker eigentlich nur die Wahl zwischen Höchst- und Tiefstnote lässt. Aber wie der Regisseur mit seinem Werk die Zuschauer provoziert, soll die Wertung die Provokation retournieren: Drei Sterne, die für einmal nicht für Mittelmass stehen, sondern für einen Mittelwert zwischen Genialität und Perversion.
![]()
3.8 Sterne (45 Bewertungen) | 24 Kommentare



