Antichrist (2009)

Antichrist (2009)

Oder: Gruppentherapie für Depressive

Antichrist

"Hände weg von meiner Frau!"

Ein Mann (Willem Dafoe) und eine Frau (Charlotte Gainsbourg) haben Sex. Wilden, ungezügelten, leidenschaftlichen Sex. So leidenschaftlich, dass die beiden dabei vergessen, auf ihren kleinen Sohn zu achten, der zuerst auf den Tisch krabbelt, dann auf den Fenstersims, von dort in die Tiefe stürzt und sofort stirbt. Dieser schmerzliche Verlust des eigenen Kindes macht beiden stark zu schaffen, aber vor allem sie droht daran zu zerbrechen. Da trifft es sich ganz gut, dass er Psychiater ist, so kann er seine Frau gleich selbst therapieren. In einer Reihe von Übungen und Rollenspielen versucht er, sie dazu zu bringen, sich ihrer Ängste bewusst zu werden.

Antichrist

Die Brücke zur Weisheit?

Dabei zeigt sich, dass der Ort, an dem sie die grösste Angst verspürt, der Wald ist, genauer gesagt "Eden", ihre abgelegene Ferienhütte. Da man sich seinen Ängsten bekanntlich stellen sollte, machen sich die beiden auf den Weg nach Eden. Doch dort angekommen, scheint alles noch viel schlimmer zu werden. Umgeben vom mächtigen Reich der Flora und Fauna, vernebelt der Verstand beider zusehends. Was ist der Ursprung der Ängste? Ist Mutter Natur am Ende die Quelle alles Bösen?


DVD-Rating

Eines muss man dem dänischen Kultregisseur Lars von Trier lassen: Egal, was er macht oder wie er es macht, es endet meistens mit polarisierenden Resultaten. Der Mann, der ernsthaft behauptet, er sei der beste Regisseur der Welt, er leide seit seinem 4. Lebensjahr an Panikattacken und habe mit Antichrist eine Art Selbsttherapie seiner Depression kreiert, versteht es perfekt, seine Marke immer wieder aufs Neue zu erfinden. Jeder Film sollte wie ein Stein im Schuh sein, hat er einmal gesagt. Antichrist ist ein Steinschlag - und zwar direkt ins Gesicht.

Ist Antichrist denn nun von Triers unverstandenes Meisterwerk oder bleibt es ein überbewertetes, symboliküberladenes Gemetzel mit Ekelquotient-Faktor 10? Sagen wir es so: Antichrist ist beides und doch nichts. Unterteilt man diesen auf Zelluloid gebannten Albtraum in Einzelteile, lassen sich trotzdem einige Dinge klären. Visuell gesehen ist es von Triers bisher stärkstes Werk. Hat der Däne früher fast nur im Dogma-Stil gefilmt, vermischt er hier mehrere visuelle Elemente miteinander. In der einen Szene werden Zeitlupen-Bilder in ihrer Perfektion zelebriert, in der nächsten wird mit Handkamera und extremen Close-Ups der Darsteller geprotzt. Diesmal ist der Dialog nur Nebensache. Es sind die Bilder, die all die Emotionen heraufbeschwören und den Albtraum zum Leben erwecken. Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg agieren gekonnt mit subtilen Charakterzügen. Nicht selten reicht der Gesichtausdruck der beiden, um die Message rüberzubringen. Faszinierend ist zugleich die Hingabe der beiden, mussten sich doch einige physische und psychische Hüllen fallen lassen. Schmerzlichst wird man ab der zweiten Hälfte des Filmes darauf aufmerksam gemacht, dass man es mit einem echten Lars von Trier zu tun hat. In Anchtichrist geht es hart und sehr detailliert zur Sache. Es kommt die Frage auf, ob das dem Film schlussendlich hilft oder man hier nur einen Schritt weiter Richtung Kontroverse gehen wollte - die Symbolik und die annähernd logisch erklärbare Message des Filmes lassen sich hauptsächlich in allen anderen Szenen erkennen. Was am Schluss zurückbleibt, sind knapp zwei Stunden Albtraum mit von Triers Etikette drauf. Einige werden es als Kunstwerk sehen, andere als ekligen, frauenfeindlichen Pseudo-Hokuspokus.

Antichrist ist ein visueller Albtraum, verstörend, berauschend und jenseits der Geschmacksgrenze. Das Werk darf man mit Vorsicht "geniessen", denn hier wird kein Blatt vor den Mund genommen. Lars von Trier präsentiert einen Film, der für ihn eine Art Selbsttherapie ist. Hoffen wir, dass wenigstens er nach dem Schauen dieses Films nachts ruhig schlafen kann.

Das Bild dieser Special Edition ist bemerkenswert, der Ton mit einer qualitativ hochstehenden Anlage überaus albtraumartig. Es ist durchaus interessant, die einzelnen Features auf der Bonus-Disc anzuschauen. Nebst Interviews mit den Darstellern hat es Impressionen von Lars von Trier und ein Making-of, das aus mehreren Teilen besteht.

3.8 Sterne 5.0 Sterne
3.8 Sterne (45 Bewertungen) | 2 Kommentare

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30.03.2010 / ebe (Inhalt), woc (Rating)


DVD-Infos

"2-Disc Special Edition", erschienen am 18.03.2010

  • Bildformat: 16:9
  • Sprachen: Deutsch (DD 5.1); Englisch (DD 5.1 mit deutschen Untertiteln)
  • Untertitel: Deutsch
  • Extras: Making-of, Interviews mit Cast & Crew