Tokyo Sonata - Tôkyô sonata (2008)
Tokyo Sonata - Tôkyô sonata (2008)
Oder: Wie es weiter geht, wenn nichts mehr geht
Die Familie Sasaki entspricht der traditionellen Vorstellung einer japanischen Familie. Vater Ryuhei (Teruyuki Sasaki) arbeitet als Angestellter in einer Grossfirma, Mutter Megumi (Kyôko Koizumi) führt den Haushalt und kümmert sich um das Wohl der Familie, der ältere Sohn Takashi (Yû Koyanagi) geniesst als Universitätsstudent seine Freizeit, verdient mit einer langweiligen Teilzeitarbeit noch ein wenig Geld hinzu und zerbricht der Mutter mit seinen nächtlichen Touren den Kopf und der jüngere Sohn Kenji (Inowaki Kai) ist ein sensibler und aufmerksamer Primarschüler, der einer heimlichen Leidenschaft nachgeht.
Als der Vater unversehens seine Arbeit verliert, gerät die perfekte Welt der Sasakis allmählich aus den Fugen. Ryuhei aber wahrt den Schein der Normalität. Jeden Morgen geht er im Anzug und mit Aktentasche aus dem Haus, um zu seiner nunmehr fiktiven Arbeit zu pendeln. In der verzweifelten Suche nach einer neuen Arbeit fällt er immer tiefer. Jedes einzelne Familienmitglied wird schliesslich auf ihre eigene Art und Weise in den Strudel der Unwahrheiten mithineingezogen. Der Aufprall in der neuen, harten Realität scheint nur noch eine Frage der Zeit...
Kinofilm-Rating
Seit Ende des Kalten Krieges hat Japan einige Wirrungen durchlebt. Da waren als Folge der geplatzten Wirtschaftsblase das "verlorene Jahrzehnt" der 1990er Jahre, die anhaltende Diskussion um Japans aussenpolitische Rolle in der heutigen Weltordnung oder die neoliberale Reformwelle von Premier Koizumi zu Beginn des neuen Jahrtausends, die auf Kosten der sozialen Verantwortung des Staates und der Firmen eine wirtschaftliche Erholung brachte. Eine neue Generation junger Teilzeitangestellter hält sich heute in Japan ohne soziale Sicherheit über Wasser und den älteren Angestellten droht bei Kündigung der Fall ins Nichts. Regisseur Kiyoshi Kurosawa zeigt vielschichtig und mit viel Gespür die Auswirkungen dieser gesellschaftlichen Erschütterungen auf den Alltag.
Die Schande des Arbeitsverlusts verwandelt sich in ein groteskes Spiel für den Vater. Seine öffentliche Demütigung mündet beim Bewerbungsgespräch in eine Aufforderung zum Karaoke singen. Seine letzte heile Welt bleibt die Familie, wo er noch glaubt über Autorität zu verfügen. Die Angst der Verantwortung nicht gerecht zu werden und aus dem gesellschaftlichen Korsett zu fliegen, bringt die Kommunikation in der Familie zum verstummen. Die Fassade wird bewahrt und Ryuhei Sasakis schmerzhafter Irrweg wird zu einer offenen Kritik Kurosawas an den festgefahrenen Vorstellungen der klassischen Rollenverteilung in der Familie und am Gesellschaftssystem im Allgemeinen. Kostenlose Mittagessen für Obdachlose werden von Menschen in perfekt gebügelten Anzügen frequentiert, die sich in ihrer Hoffnungslosigkeit nach dem grossen Erdbeben sehnen. Die Vermittlungsagentur "Hello Work", die es tatsächlich gibt, wird zu einer tristen, erniedrigenden Anlaufstelle für Jobsuchende, deren Arbeitsperspektiven sich auf Teilzeitstellen mit mickrigen Stundenlöhnen reduzieren. Die Zuversicht scheint schon längst ihren Abschied genommen zu haben. Ken Loach lässt grüssen.
Mutter Megumi ahnt das Unheil, wagt sich aber genauso wenig aus der Sackgasse. Die Kommunikation erliegt. Es benötigt einen manisch-depressiven Einbrecher, herrlich chaotisch dargestellt von Koji Yakusho, um die erdrückende Stille in einer Achterbahnfahrt der Gefühle zu durchbrechen. Die harte Konfrontation mit der Wahrheit und die Unerschütterlichkeit der Kinder lassen den Funken Hoffnung am Leben. Man atmet auf, ohne die Nachdenklichkeit abzulegen.
Kiyoshi Kurosawa, der übrigens nicht verwandt ist mit dem grossen Akira Kurosawa, ist eine provokative und erschütternde Auseinandersetzung mit der japanischen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik gelungen. Gekonnt zeigt er die engen Verflechtungen der Globalisierung mit dem Individuum auf. Tokyo Sonata ist eine ungeschminkte Gesellschaftskritik, die an den Grundfesten Japans rüttelt.
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