Salonica (2008)

Salonica (2008)

Oder: Der vergessene Holocaust

Salonica

"Sooo gross bin ich!"

Thessaloniki, auch Salonica genannt, ist die Hauptstadt der griechischen Region Zentralmakedonien und war in früheren Zeiten als "das zweite Jerusalem" bekannt. Ein prekäres Gleichgewicht der Kulturen und Religionen wurde vom Zweiten Weltkrieg zerstört. Salonica handelt von den Menschen, die diese Zeit miterlebt haben, sowie von jenen, die ihren Einfluss immer noch spüren.

Salonica

"Hast mal Feuer?"

Alte Judeohispanier, Griechen, Russen und Araber erinnern sich an ihre von Gewalt und Leid geprägte Jugend. Wie Moische, der in einem jüdischen Altersheim wohnt und schon mit 13 Jahren Kommunist wurde. Sein Blick ist stets voller Sorgen, aber wenn er sich zurückerinnert an sein 20-jähriges Ich, als er als Partisan erbittert gegen die Deutschen kämpfte, leuchten seine Augen. Oder Yaacov, der mit Schmerz und Ironie zugleich in der Stimme sagt: "Als ich aus der Schule kam, hatte die Regierung ausnahmsweise beschlossen, dass dieser Jahrgang Schulabgänger sich ohne Eintrittsexamen an der Universität einschreiben durfte. Ich wollte mich einschreiben, doch dann kamen die Deutschen und brachten mich an eine viel bessere Universität: Auschwitz." Doch auch junge Menschen kommen zu Wort: Olivera, eine albanische Roma, die mit ihrer sechsjährigen Tochter vom Betteln lebt. Devin, ein Geschichtsstudent, der in Thessaloniki seiner Vergangenheit und seiner Identität nachspürt.

Insgesamt 16 Menschen Thessalonikis schildern ihre Geschichte und bilden so die Teile eines Mosaiks, das diese Stadt ausmacht.


Kinofilm-Rating

Salonica ist ein Film, der seine Zuschauer überrascht und mitreisst. Er ist ein Dokumentarfilm der anderen Art. Impressionistisch aufgebaut, pointilistisch erzählt, ist er zugleich poetisch und malerisch. Jede Einstellung ist ein eigenes Kunstwerk, ohne jemals zu übertreiben oder den Fokus von den Personen zu nehmen. Sie erzählen zwar aus ihrem Leben, erinnern sich zurück, aber gleichzeitig bekommt man auch einen tiefen Einblick in ihr heutiges Leben. Man erfährt, welche oft quälenden Identitätsfragen sie beschäftigen und man sieht und hört Dinge, die lange vergessen worden sind, aber nicht vergessen werden sollten.

Die Stadt selbst ist der 17. Protagonist des Filmes. Auch mit ihr trauert, lacht und lernt man. Sie tut einem Leid, als berichtet wird, wie die Nazis den Friedhof zerstörten und später dort die Universität darüber gebaut wurde. Tragisch-komisch ist es, als Devin sagt: "Ich lief über den Campus und plötzlich war mir unwohl. Bei jedem Schritt dachte ich: rechter Fuss, mein Urgrossvater, linker Fuss, sein Cousin dritten Grades."

Salonica zeigt auf, wie sich in Thessaloniki das Neue und Junge mit dem Alten vermischen, hässlich und schön, arm und reich nebeneinander existieren. Es ist schwer, so viele Religionen und Ethnien miteinander zu vereinbaren und zu leben. Nach manchen Bildern sieht man dieselbe Strasse oder Landschaft in historischen Filmaufnahmen, der Zuschauer wird hineingesogen in die Geschichte. In anderen Momenten folgt man der Altenpflegerin Sofia während einer Busfahrt, wird mitgenommen auf eine Rundreise durch die Stadt, durch Viertel so edel und teuer wie die Zürcher Bahnhofsstrasse und andere so dreckig und heruntergekommen wie brasilianische Favelas. So fächert der Film aus, beschäftigt sich mit immer neuen Menschen mit immer anderen Schicksalen. Die Ausführung des Filmes formt den Inhalt. Dem Schweizer Regisseur Paolo Poloni gelingt es so, den Spagat zwischen den Leben von heute und den Leben von gestern, den verlorenen und den gefundenen Identitäten anrührend, realistisch und mitfühlend wiederzugeben. Er setzt perfekt um, was einer der Protagonisten sagt: "Die Menschen und Bilder als Zeugnis". Poloni hat dem vergessenen Holocaust in Thessaloniki wieder ein Gesicht und eine Stimme gegeben.

5.0 Sterne
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5.55.5
18.04.2008 / aru