Queen of Brazil (2008)

Queen of Brazil (2008)

Oder: das schönste Mädchen im Land

Queen of Brazil

Heiteres Um-die-Wette-Lächeln

Als der Coiffeur Fabio die Worte "And the Winner is... Michelle Honda!" hört, kann er es kaum glauben. Er hat soeben den regionalen "Miss Gay"-Schönheitswettbewerb gewonnen. Auch sein Freund Junior kann es nicht fassen, denn dieser Preis ist das Ticket an die "Miss Gay Brazil"-Wahl. Wer zur Miss Gay Brazil gekrönt wird, ist ein Jahr lang die schönste Frau in ganz Brasilien, die eigentlich ein Mann ist. Denn dieser Schönheitswettbewerb ist ausschliesslich für sogenannte Cross-Dresser, also Männer, die sich gerne wie Frauen anziehen (nicht zu verwechseln mit den Drag-Queens, die sich als Frauen verkleiden).

Queen of Brazil

Grrrr...!

Auf seinem Weg nach Rio de Janeiro treffen Fabio und Junior auf Freunde und Bekannte, die dieselben Vorlieben teilen und zum Teil bereits den begehrten Titel gewonnen haben. Sie unterstützen Fabio bei der Auswahl der Kleider, dem Make-up, der aufwändigen Frisur und seiner künstlerischen Darbietung. In Rio de Janeiro schliesslich quartieren sich die beiden zusammen mit all den anderen Teilnehmern bzw. Teilnehmerinnen in einem Hotel ein und proben für die grosse Show. Es herrscht eine freundliche, ausgelassene Stimmung, doch gewinnen kann nur eine...


Kinofilm-Rating

Das Regisseur-Duo Fernanda Tornaghi und Ricardo Bruno hat Queen of Brazil bereits im Jahr 2004 gedreht, jedoch weitere fünf Jahre für dessen Fertigstellung benötigt. Das Ganze ist ein Low-Budget-Produkt im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die beiden Regisseure erhielten keinerlei Unterstützung und investierten ausschliesslich eigenes Geld. Und deshalb mussten sie während der Postproduktion immer wieder normal arbeiten gehen, um wieder genug Geld für den Film zu haben.

Die ursprüngliche Idee des Duos war es eigentlich, einen fiktionalen Film um den seit 15 Jahren existierenden Schönheitswettbewerb zu drehen. Doch um Schauspieler und Kostüme zu bezahlen und gar eine ganze künstliche Show zu produzieren, hatten die beiden nicht die genügenden finanziellen Mittel. Deshalb entschieden sie sich, eine sogenannte Mockumentary zu drehen, woraus sich schliesslich eine wahre Dokumentation entwickelte.

Tornaghi und Bruno liefern mit dieser Dokumentation eine gelungenen Einblick in eine den meisten wohl fremde Gemeinschaft. Sie lassen dabei die Protagonisten für sich alleine sprechen und sind nur als stille Beobachter mit dabei. Die Protagonisten, welche zum Teil geradezu süchtig sind nach Aufmerksamkeit, schmeissen die Show denn auch problemlos selber. Man erfährt eindrücklich, wie sehr ihnen diese Wettbewerbe am Herzen liegen; dass sie all ihr hart erarbeitetes Geld in Kostüme, Make-up und die Reise investierten und dafür eine unangenehme dreitägige Busfahrt auf sich nehmen. Es ist den Teilnehmern aber auch wichtig, den Zuschauern klar zu machen, dass sie nicht etwa gerne eine Frau wären, sondern eine zweite, gleichbedeutende, weibliche Persönlichkeit haben. Die meisten sind mir ihrem männlichen Selbst ganz zufrieden.

Was der Film leider zu wenig anspricht, ist die Toleranz in der Öffentlichkeit für das Schwulsein im Allgemeinen und diese Schönheitswettbewerbe im Speziellen. Einzig in der Szene, als Fabio von seinem Vater erzählt, der ihn nach seinem Coming-out verstiess, lässt sich erahnen, dass das Thema noch immer mit Tabus behaftet ist.

Queen of Brazil ist alles in allem eine etwas einseitige, aber objektive Dokumentation über ein spannendes Thema. Der Einblick in diese brasilianische Gemeinschaft und Minderheit ist eindrücklich und interessant. Zudem ist die Wahl selbst äusserst unterhaltend, und es ist rührend zu sehen, was für eine freundschaftliche Konkurrenz unter den Teilnehmern herrscht.

3.8 Sterne
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05.10.2009 / mab