Pandora's Box - Pandora'nin kutusu (2008)
Pandora's Box - Pandora'nin kutusu (2008)
Oder: Wer bist du?
Das plötzliche Verschwinden einer alten Frau (Tsilla Chelton) irgendwo in der türkischen Pampa ist das auslösende Moment, das die Welt ihrer drei in Istanbul lebenden erwachsenen Kinder aus den Fugen bringt. Gemeinsam machen sich die überbesorgte Hausfrau Nesrin (Derya Alabora), die frustrierte Journalistin Güzin (Övül Avkiran) und der verhängte Kiffer Mehmet (Osman Sonant) auf den Weg in ihr Heimatdorf, um dort nach ihrer Mutter Nusret zu suchen. Die Fahrt wird zu einer Reise in die Vergangenheit, und bald kommen alte Spannungen und Konflikte zum Vorschein.
Als die alte Frau schliesslich gefunden wird, stellt sich heraus, dass sie an Alzheimer leidet und auf Pflege angewiesen ist. Die Geschwister bringen ihre Mutter nach Istanbul, um sich dort selbst um sie zu kümmern. Diese zusätzliche Belastung verstärkt jedoch die ganz unterschiedlichen Probleme der drei Geschwister, und dann wird auch noch der gegen seine Eltern rebellierende Enkel Murat (Onur Ünsal) in die Geschichte hineingezogen.
Kinofilm-Rating
Die Regisseurin Yesim Ustaoglu erzählt in Pandora's Box mit einer poetischen Bildsprache und besonders auch durch den gelungenen Ton eine Geschichte voller Gegensätze. Seelenlose Wohnsilos und plärrende Fernsehapparate kontrastieren mit Grossmutters knarrendem alten Haus, dessen Stille nur von einer brummenden Hummel gestört wird. Wenn die Handys dauernd piepsen, man sich eigentlich aber nichts zu sagen hat, dann wirken die Lebensentwürfe der erwachsenen Kinder im Moloch Istanbul genauso orientierungslos wie die verwirrte Nusret. Wie Pandoras Gaben aus der griechischen Sage bringen hier die Verheissungen der modernen Lebenswelt das Unheil mit sich.
Neben den Gegensätzen zwischen Moderne und Tradition sowie Stadt und Land thematisiert der Film die zentrale Frage nach dem Umgang mit dem Altern. Tsilla Chelton hat für ihre Rolle als demenzkranke alte Frau vom Land die Silberne Muschel des Filmfestivals von San Sebastian mehr als verdient. Mit ihren nuschelnden Händen und dem leeren Blick wirkt sie in manchen Szenen völlig abwesend, nur um wenig später ziellos wegzulaufen oder sich störrisch gegen Pflegeversuche zu wehren. Auch die anderen Schauspieler überzeugen, leider wirken aber die Dialoge in den deutschen Untertiteln stellenweise etwas holprig.
Pandora's Box wirft aktuelle Fragen auf, die sich nicht nur in der Türkei, sondern gerade auch in den rasch alternden Industrieländern stellen. Wie gehen wir mit den immer älter werdenden Menschen und den mehr als 100'000 Demenzkranken in der Schweiz um? Wie gestalten wir unser Leben in der modernen Gesellschaft, ohne uns durch Medien, Werbung und soziale Normen fremdsteuern zu lassen? Natürlich kann der Film diese Fragen nicht abschliessend beantworten, er fokussiert vielmehr stark auf die betagte Frau im Mittelpunkt und lässt die Hintergründe der individuellen Probleme der drei Geschwister weitgehend offen. Wer sich für das Thema interessiert und nichts gegen ein gemächliches Erzähltempo hat, wird mit einer poetischen Filmmeditation über äusserst aktuelle Fragen belohnt.
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