The Other Boleyn Girl (2008)
Die Schwester der Königin
The Other Boleyn Girl (2008) Die Schwester der Königin
Oder: Zickenkrieg um Henry - Wer soll dein Herzblatt sein?
Im England des 16. Jahrhunderts erhofft sich der ehrgeizige Sir Thomas Boleyn (Mark Rylance), seine beiden Töchter Anne (Natalie Portman) und Mary (Scarlett Johansson) mit wohlhabenden Ehemännern verheiraten zu können. Da er die ältere Anne für ehrgeiziger hält und davon überzeugt ist, dass sie sogar einen Ehemann aus dem Hochadel heiraten könnte, verheiratet er zuerst die jüngere Mary, die keine höheren Ambitionen hat und mit einem glücklichen Familienleben auf dem Land zufrieden ist.
Als die englische Königin Katharina von Aragon (Ana Torrent) anstatt des ersehnten männlichen Thronfolgers erneut nur eine Totgeburt zur Welt bringt, geht das Gerücht um, dass König Heinrich VIII. (Eric Bana) sich von ihr abwenden wird. Thomas Boleyn und sein Schwager, der Herzog von Norfolk (David Morrissey), wollen dies nun gegen die Proteste der Mutter der Mädchen (Kristin Scott Thomas) geschickt ausnutzen: Anne soll beim Besuch des Königs im Hause der Boleyns den König bezaubern, um seine Geliebte zu werden und damit Ansehen für die ganze Familie zu erlangen. Anne begeht jedoch einen gravierenden Fauxpas, sodass die besonnene Mary als Vermittlerin zum König geschickt wird. Dieser ist aber derart fasziniert von ihr, dass er sie, ihren Ehemann und ihre ganze Familie zu sich an den Hof zitiert. Mary wird König Heinrichs Geliebte und verliebt sich auch in ihn.
Anne kann ihrer Schwester nicht verzeihen, dass ihr diese die Position gestohlen hat, und versucht nun ihrerseits, gesellschaftlich weiter zu kommen, indem sie mit einem jungen Herzog durchbrennt. Um den Skandal familienintern vertuschen zu können, wird die Ehe aber verschwiegen und Anne an den französischen Hof verbannt. Als Mary von Heinrich schwanger wird und befürchtet werden muss, dass er sich während der Schwangerschaft eine andere Gespielin suchen wird, ruft man Anne jedoch wieder zurück und gibt ihr den Auftrag, den König an seine Geliebte und sein ungeborenes Kind zu erinnern. Anne möchte sich jedoch an ihrer Schwester rächen und verdreht dem König derart den Kopf, dass er Mary des Hofes verweist, obwohl sie einen gesunden Jungen zur Welt gebracht hat. Um nun endlich selbst Königin von England werden zu können, steht Anne jetzt nur noch Königin Katharina im Weg...
Kinofilm-Rating
Mit historischen Romanen und Filmen ist es so eine Sache. Oft sind sie entweder historisch weitgehend korrekt, dafür aber langweilig, oder sie sind spannend erzählt, voller Intrigen und Gefühl, nehmen es aber mit den tatsächlichen historischen Ereignissen nicht ganz so genau. Ganz entsprechend der Bestseller-Romanvorlage von Philippa Gregory aus dem Jahr 2001 gehört The Other Boleyn Girl zweifellos zur letztgenannten Kategorie. Historisch wichtige Ereignisse werden aus der Sicht der wenig bekannten Mary Boleyn erzählt, wobei sich das Erzählte einige Freiheiten erlaubt und ein deutlicher Schwerpunkt auf das Privat- und Liebesleben der Personen gelegt wird. Politisches wird hingegen eher zur Nebensache bzw. eben das Privatleben wird zum eigentlichen Politikum. Im Film fällt das besonders auf, wenn bei unheilschwangerer Musik Reiter auf wichtiger Mission durchs Bild brettern, aber nicht wie in anderen Kostümdramen wichtige Botschaften überliefert werden müssen oder zu Schlachten aufgebrochen wird, sondern lediglich eine zukünftige Geliebte zum König gelangen soll. Das kann teilweise etwas übertrieben wirken, wenn aber etwa das Sexualleben des Königs als Staatsangelegenheit behandelt und besprochen wird, betont das deutlich die Absurdität der Welt, in der sich die weiblichen Hauptfiguren im Film zurecht finden müssen.
Die beiden jungen Hauptdarstellerinnen haben den Film fast vollständig auf ihren Schultern zu tragen, und sie machen gleichzeitig die Stärke und Schwäche des Filmes aus. Scarlett Johansson ist die blonde Unschuld mit Herz, dabei wird aber so sehr versucht, sie als sympathisch und gutmütig zu zeigen, dass sie ziemlich blass wirkt und ausser schüchternen Blicken und Tränen leider nur wenig zeigen darf. Natalie Portman spielt zwar die weit unsympathischere der beiden Schwestern, wirkt aber durch ihr berechnendes Handeln, ihre Rachegelüste und ihre Verzweiflung viel interessanter. Besonders gegen Ende, wo Anne Boleyns Situation immer prekärer wird und sie mit immer drastischeren Massnahmen versucht, ihre Position halten zu können, beginnt einem die Figur trotz ihrer schlechten Taten sogar leid zu tun. Eric Bana (Troy) wird dabei als König zur reinen Nebenfigur und ist im Film etwa so wenig zu sehen wie der Schauspieler selbst, der in den pompösen Kostümen zu versinken droht. Dies ist aber durchaus passend und wohl auch Absicht des Filmes, und nicht zufällig erweisen sich sämtliche politisch schwerwiegenden Entscheidungen (Loslösung von der katholischen Kirche, Gründung der Anglikanischen Kirche) als Ideen von Anne Boleyn. Denn auch wenn die Männer scheinbar die Macht haben, sind es letztlich doch die Frauen, welche die wichtigen Taten vollbringen und dementsprechend die Männer auf ihre Plätze verweisen.
Wen besagter Mangel an historischer Genauigkeit stören könnte, wird am Film wohl weniger Freude haben. Wer aber keine Geschichtslektion erwartet und einfach schöne Menschen in noch schöneren Kostümen und vor allem interessante Frauenfiguren sehen will, wird am Ränkespiel um die Boleyn-Schwestern bestimmt Gefallen finden. Nach anfänglichen kleineren Durchhängern und Längen spitzt sich Geschehen nämlich zu einem fulminanten Finale zu, welches das Publikum durchaus zu fesseln vermag.
![]()
4.2 Sterne (52 Bewertungen) | 4 Kommentare




