Novemberkind (2008)

Novemberkind (2008)

Oder: Wissen ist Ohnmacht

Novemberkind

Kalte Ohren hat die Inga nie.

Inga (Anna Maria Mühe) lebt purlimunter auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern. Wenn sie nicht gerade nackig in der winterlichen Ostsee planscht, arbeitet sie als die netteste Bibliothekarin weit und breit. Und sie pflegt ein sehr enges Verhältnis zu den Grosseltern (Hermann Beyer, Christine Schorn), die sich um ihre Erziehung kümmerten, seit Inges Mutter verstarb. Denn diese ist in der Ostsee ertrunken, als Inga noch ein Kind war.

Novemberkind

Robert ist nicht auf Urlaub hier.

Da taucht Robert (Ulrich Matthes) auf. Der Professor für kreatives Schreiben aus Konstanz ist mitten im November ein seltener Gast in der touristisch wenig interessanten Gegend. Er scheint sich für Inga zu interessieren und fragt sie aus. Von ihm erfährt Inga die Geschichte einer jungen Frau, die vor 20 Jahren zusammen mit einem russischen Deserteur aus der DDR flüchtete - und ihr kleines Baby zurückliess. Könnte es sich um Ingas Mutter handeln? Inga ist bestürzt und entscheidet sich, zusammen mit dem Professor an den Bodensee zu reisen, um ihre Mutter zu suchen. Sie ahnt aber nicht, dass Robert mehr weiss, als er zugibt und Ingas Erlebnisse als Roman niederschreiben möchte.


Kinofilm-Rating

20 Jahre ist es dieser Tage her, dass in Berlin die Mauer fiel und das lange geteilte Deutschland über Nacht wiedervereint wurde. Inga, gespielt von Anna Maria Mühe, gehört zu der Generation, welche die DDR nicht mehr aktiv miterlebt hat. Unbeschwert guckt sie deswegen mit ihren Kulleraugen unter der Fellmütze hervor und beschimpft die nach Hamburg ziehende Kollegin nur zum Spass als "Westschlampe". Innerdeutsche Reibereien interessieren sie nicht, genauso wenig wie Vergangenheitsbewältigung. Sie kennt's nicht anders, und das Leben geht weiter. Aber daraus entstehen keine spannenden Filme.

Es sind die übergeordneten Generationen, deren Machenschaften innerhalb des DDR-Regimes die Leben der heute 20-Jährigen durcheinanderwirbeln. In Novemberkind tritt die Vergangenheit in der Gestalt eines Geschichtenerzählers ins Bild. Der rätselhafte Ulrich Matthes bringt als Literaturprofessor die Story in die Gänge, die er - anders als das Publikum - zu grossen Teilen bereits kennt, und gerne selber zu Ende steuern würde. Eine interessante Konstellation in einem schlau konstruierten Film.

Ganz wie ihr Papa entwickelt sich Anna Maria Mühe. Ihr Vater war Ulrich Mühe, der Stasi-Spion aus Das Leben der Anderen. Sie füllt ihre Doppelrolle bravourös. Neben Inga in den mit Wackelkamera und ohne künstlichem Licht gefilmten Szenen zur Jetztzeit, spielt sie auch gleich ihre Filmmutter Anna in den sonnengelben Rückblenden. Eine überragende Leistung.

Novemberkind ist ein kleiner, stiller Film mit einer beeindruckenden Hauptdarstellerin, der zeigt, dass innerdeutsche Vergangenheitsbewältigung noch lange ein filmisches Thema sein kann. Eine düstere Geschichte, die trotzdem nie zu grau wird. Der Film war auch schon im deutschen Fernsehen zu sehen. Dank dem Gedenken an den Mauerfall vor 20 Jahren schafft er es 2009 mit einem Jahr Verspätung auch noch in die Schweizer Kinos.

4.8 Sterne
4.8 Sterne (9 Bewertungen) | 0 Kommentare

4.54.5
19.11.2009 / rm