Kirschblüten - Hanami (2008)

Kirschblüten - Hanami (2008)

Oder: Ein Bayer auf Japan

Kirschblüten - Hanami

Waiting for Godot

Die Diagnose ist niederschmetternd: Rudi (Elmar Wepper) ist todkrank. Nur weiss er nichts davon. Seine Frau Trudi (Hannelore Elsner) bekommt von den Ärzten den Bescheid und zieht es vor, ihrem Ehemann nichts davon zu erzählen. Stattdessen versucht sie mit Rudi, die Zeit zu geniessen, so gut und so lange es geht. Gerne würde sie mit ihm mal nach Japan reisen, ein Land, für das die Bayerin schon immer schwärmte, und wo ihr Sohn Karl lebt. Doch Rudis Leben ist ein Leben der Rituale. Jeder Tag sieht gleich aus, und nur schon ein Ausflug in eine grössere Stadt ist für ihn eine Abweichung, die Rudi nur ungern zulässt.

Trotzdem schafft es Trudi dann doch, ihren Ehemann zu einer Reise nach Berlin zu bewegen. Dort besuchen sie ihre beiden anderen Kinder, ausgewachsene Sprösslinge mit wenig Zeit und Nerven. In der Grossstadt fühlen sich das naturgewohnte Paar nicht wohl, und so landen sie an der Ostsee.

Am zweiten Tag schlägt dort das Schicksal zu. Trudi erwacht nicht mehr aus ihrem Schlaf. Für Rudi bricht eine Welt zusammen. Er macht sich Vorwürfe, trauert Versäumnissen nach. Etwa der gemeinsamen Reise nach Japan, für die er immer ein "später" parat hielt. Nun geht Rudi alleine nach Japan. Dort besucht er Karl und fängt an, die Faszination seiner Frau für dieses Land zu ergründen.


Kinofilm-Rating

Kirschblüten und Eintagsfliegen dienen als Metapher der Vergänglichkeit in Doris Dörries neuem Film. Aber Vergänglichkeit ist nur eines der vielen Themen, die die deutsche Regisseurin darin anspricht. Es geht um unerfüllte, unterbundene Wünsche, um Entfremdung, um den plötzlichen Verlust der Normalität, aber auch - und das vergisst man schnell - ums Leben. Der seltsame Twist mit dem Tod des vermeintlich gesunden Ehepartners, er lässt die Uhr in Rudi hörbar ticken. Was würde er machen, wenn er wüsste, dass er nicht mehr lange zu leben hätte? Wohl genau das gleiche.

Der kurze Stillstand nach dem Schicksalsschlag tut dem Film gut, denn Tokio ist schön und erdrückend, immer wieder ein fantastischer Ort für aussergewöhnliche Bilder. Hier wird man wie Rudi vom Licht und den Leuten erschlagen. Culture Clash, natürlich, aber kein Lost in Translation, denn Rudi kommt schneller zurecht, als er wohl selber erwartet.

Doris Dörrie ist Japan-Fan durch und durch. Einen klobigen Bayern dorthin zu schicken macht ihr Spass, weil auch sie mal ohne Sprachkenntnisse und nichts durch das Land trampte. Eine Dokumentation über Butoh-Tänze - welcher Trudi in jungen Jahren selber tanzte - inspirierte sie zu einem ganzen Film, gleichwohl dem rührendsten, den sie je gedreht hat. Dabei erzählt sie eine einfache Geschichte, eine kitschlose, herzerfüllende Ode an das Leben und an den fernen Osten. Und Elmar Wepper werden wir ab diesem Film keineswegs mehr unterschätzen.

4.5 Sterne
4.5 Sterne (21 Bewertungen) | 0 Kommentare

55
16.02.2008 / uas