Home (2008)

Home (2008)

Oder: Die Abgasresidenz

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Ungezwungener Fernfahrergenuss

Marthe (Isabelle Huppert) und Michel (Olivier Gourmet) leben mit ihren drei Kindern Judith, Marion und Julien in einem schönen, aber abgelegenen Haus - unmittelbar neben einer unbefahrenen Autobahn. Die eigenbrötlerische Familie scheint sich an diesem seltsamen Ort recht wohl zu fühlen - bis eines Tages am Radio eine Hiobsbotschaft verkündet wird: Die Landstrasse soll demnächst in Betrieb genommen werden.

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Streifzug ohne Fussgängerstreifen

Es erscheinen Planierraupen, und schon kurze Zeit später rasen im Sekundentakt diverseste Boliden am Eigenheim vorbei. Statt sich aber nach einer neuen Bleibe umzusehen, reagieren die einzelnen Familienmitglieder mit unterschiedlichen Überlebensstrategien. Sie trotzen dem lärmigen Verkehr mit Erfolg - aber was die Familie in einer ersten Phase zusammenschweisst, wird dennoch zu einer immer stärkeren Belastung. Überall liegen die Nerven blank, und zahlreiche Konflikte, die bis jetzt unter den Teppich gekehrt wurden, werden mit zunehmender Aggressivität ausgetragen.


Kinofilm-Rating

Reduziert man Home auf seine inhaltliche Grundlinie - eine Familie wird von Verkehrslärm in den Wahnsinn getrieben - dann sind gewisse Bedenken durchaus berechtigt: Es könnte sich dabei um eine aufdringlich moralisierende Ökofabel handeln, um eine abstrakte Metapher zur mobilen Gesellschaft und ihren Opfern, oder gar um die berüchtigte Sorte Problemfilm, in der einfach nur 90 Minuten lang hysterisch geschrien wird.

Doch schon nach einigen Szenen stellt sich heraus: Home ist alles andere als eine schematische oder schwer verdauliche Übung. Stattdessen kriegt man lebhaftes, frisches Kino von der gelungsten Sorte zu sehen - ein sportliches Gerangel der Familienmitglieder auf der (noch) unbefahrenen Landstrasse und eine übermütige Sequenz in einem Badezimmer geben den Ton des gesamten Films an: Verspieltheit und Nonkonformismus beherrschen ein Werk, das sich weder in ein bestimmtes Genre einordnen noch von Stereotypen unterjochen lässt.

Der Blick wird also freigegeben auf zwei Eltern und drei Kinder, die ein zwar isoliertes, aber weitgehend unbekümmtertes Leben zu führen scheinen - die Familie wird vordergründig präsentiert als glücklicher Nukleus, als anzustrebende Lebensform. Aber schon früh fällt auf, dass einzelne Details nicht stimmen, dass diese Gemeinschaft nicht frei ist von Schattenzonen. Die Mutter (Isabelle Huppert) wirkt nervlich angespannt, und die beiden Töchter geben rein pubertätsbedingt zwei ziemlich spezielle Nummern ab - die eine ist so verklemmt, wie sich die andere exhibitionistisch aufführt. Vor allem aber fragt man sich: Warum wohnen diese Leute an einem derart seltsamen Ort? Und später, im Motorenlärm: Warum ziehen die nicht endlich weg?

Man versteht diese Familie nicht so ganz, und man wird sie auch noch lange nicht verstehen - was übrigens nicht die geringste Qualität von Home ausmacht. Man denkt an Filme, in denen eine angeschlagene Familie durch eine äussere Bedrohung wieder zusammengeschweisst wird (z.B. Signs von M. Night Shyamalan), aber handkehrum auch an Filme, in denen das Gegenteil eintritt, in denen sich eine Bilderbuchfamilie durch ein externes Element vollends zerschlagen lässt (wie Teorema von Pier Paolo Pasolini, Sitcom von François Ozon). Auch der rasende Verkehr vor der Gartentür in Home ist nämlich vor allem der Auslöser für interne Veränderungen in der Familie. Ob er aber die Familie schwächt oder stärkt, das ist hier längst nicht so offensichtlich wie in den oben genannten Beispielen.

Neben dem gelungenen Drehbuch, das fünf vielschichtige Charaktere in einer spannenden Situation schmoren lässt, deren Ausgang bis kurz vor Schluss unvorhersehbar bleibt, gilt es vor allem das ausserordentliche filmische Talent der Regisseurin Ursula Meier hervorzuheben. Einmal abgesehen davon, welch überzeugende Tour de Force sie aus ihrem heterogenen Schauspielerensemble herausholt (immerhin stehen hier zwei Vollprofis drei Anfängern gegenüber), verleiht sie ihrem Spielfilm-Erstling eine faszinierende plastische Qualität. Die weite und menschenleere, aber von Beton durchtrennte Landschaft steht in einem hervorragenden Kontrast zur immer beklemmender werdenen Architektur des Hauses; und das verstörende Nebeneinander des Ausharrens vor Ort und der pfeilschnell vorbeiziehenden Fahrzeuge wird physisch spürbar.

Meier selbst nennt ihr Werk ein "Road Movie mit umgekehrten Vorzeichen". Hinzuzufügen wäre dem, dass sie gleichzeitig auch noch einen Thriller, eine schwarze Komödie, ein leicht absurdes Kammerspiel und ein psychologisch feinsinniges Familiendrama geschaffen hat - schlicht einen rundum packenden Film.

4.3 Sterne
4.3 Sterne (36 Bewertungen) | 13 Kommentare

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22.01.2009 / juz