Caos calmo (2008)

Stilles Chaos

Caos calmo (2008) Stilles Chaos

Oder: Auszeit im Stadtpark

Caos calmo

Dreh dich doch mal. Schön sonnig hier.

Nach einem ereignisreichen Vormittag am Meer, an dem er eine Frau (Isabella Ferrari) vor dem Ertrinken gerettet hat, erfährt der erfolgreiche Geschäftsmann Pietro Paladini (Nanni Moretti) vom tragischen Unfalltod seiner Frau. Zurück in Rom, bringt er seine zehnjährige Tochter Claudia (Blu Yoshimi) zur Schule, um dort spontan zu entscheiden, dass er den ganzen Tag im Auto auf sie warten wird.

Dieses Ritual wiederholt sich fortan täglich. Jeden Morgen fährt er zur Schule und wartet entweder im Auto oder im gegenüberliegenden Park auf seine Tochter. Dort beginnt er seine Umgebung zu beobachten, trifft täglich dieselben Leute, verfasst als Ablenkung unnötige Listen in seinem Gedächtnis und entwickelt Alltagsrituale. Dabei versteht er selbst nicht, weshalb er im Schmerz und in der Trauer nicht stärker reagiert, und beginnt sein gesamtes Leben zu hinterfragen.

Caos calmo

Ruhig Liebes, die Biene ist gleich weg.

Besorgt um Pietros Gemütszustand beginnen dessen Bekannte und Geschäftskollegen, ihn im Park zu besuchen, suchen das Gespräch und bitten ihn um Rat. Sein Arbeitskollege Jean-Claude (Hippolyte Girardot) ist beispielsweise besorgt um die anstehende Fusion des Unternehmens und beklagt sich über Beziehungsprobleme, seine Schwägerin Marta (Valeria Golino) erzählt ihm, was ihre Schwester tatsächlich gefühlt hatte, und sein Bruder Carlo (Alessandro Gassman) hilft ihm, die Schuldgefühle bezüglich der fehlenden manifesten Trauer und seiner Tochter gegenüber zu nehmen.

So vergeht einige Zeit, bis Pietro eines Tages bereit ist, mit seiner Tochter in die Ferienwohnung zurückzukehren. Eine unerwartete Begegnung ermöglicht es ihm schliesslich, endgültig mit seiner stillen Trauer abzuschliessen und in etwas Neues überzugehen.


Kinofilm-Rating

Obschon der grosse Protagonist des Films Nanni Moretti für einmal nicht selbst Regie führte, ist seine Handschrift ganz klar zu erkennen. Anders als in seinem überaus traurigen Film La stanza del figlio, in dem es auch um den Verlust eines geliebten Menschen ging, ist die vorliegende Geschichte viel weniger düster aufgebaut und beschreibt die Trauer auf eine unerwartete und dennoch glaubwürdige Weise. Ein ausgewogener Anteil Humor erlaubt es zeitweise zu dedramatisieren und gibt dem Film zudem eine unterhaltsame Note.

Die Drehbuch-Adaptation des mit dem renommierten Strega-Preis 2006 ausgezeichneten gleichnamigen Romans von Sandro Veronesi ist auf jeden Fall gelungen. Dies ist umso erstaunlicher, als dass das Buch durch seinen sehr beschränkten Handlungsstrang eigentlich als schwer fürs Kino adaptierbar galt. Der vor allem fürs Fernsehen arbeitende Regisseur Antonello Luigi Grimaldi hat es insofern durch eine geschickte Wahl der Kameraperspektiven geschafft, aus einem sehr beschränkten "Bühnenbild" - dem kleinen Stadtpark - für ein Dutzend längere Dialoge einen durchaus lebendigen Ort zu schaffen.

Generell sind sämtliche Nebenrollen sehr klein und dienen beinahe ausschliesslich der persönlichen Weiterentwicklung des Protagonisten, wobei die meisten Darsteller in ihrer Rolle glaubwürdig wirken. Dabei wird einem auch schnell klar, dass gewisse Rollen beim Verfassen des Drehbuchs spezifisch den entsprechenden Darstellern angepasst wurden, wie dies beispielsweise für Valeria Golino der Fall ist. Bemerkenswert ist auch die Interpretation der Tochter, die eine für ihr Alter aussergewöhnliche schauspielerische Leistung an den Tag legt.

Alles in allem also ein durchaus sehenswerter Film, in einem unverkennbar italienisch gehaltenen Stil, jedoch ohne übertriebene Klischees. Vor allem seine Einfachheit besticht, und vielleicht auch die Tatsache, dass das eigentliche Hauptmessage des Films gar nicht die Trauer selbst ist, sondern der Vorschlag, dass sich jeder einmal im Leben eine Auszeit nehmen sollte.

4.6 Sterne
4.6 Sterne (4 Bewertungen) | 0 Kommentare

4.54.5
24.02.2008 / dee