Sicko (2007)
Sicko (2007)
Oder: Das könnte ein bisschen wehtun.
Irgend etwas Gravierendes scheint falsch zu laufen mit dem Gesundheitswesen in Amerika. Anstatt gepflegt und geheilt zu werden, bangen Patienten um die finanzielle Unterstützung ihrer Krankenversicherung, falls sie überhaupt eine haben. Das geht so weit, dass Spitäler ihre nicht zahlungsfähigen Patienten kurzerhand betäuben, ins Taxi stecken und in die Notaufnahme des Konkurrenzspitales fahren lassen. Oder ein Mann, der sich mit der Kreissäge zwei Fingerkuppen absägte, und deren Operation zur Annähung $12'000 bzw. $60'000 pro Finger kostete. Als hoffnungsloser Romantiker liess er sich den Ringfinger annähen, den Mittelfinger konnte er sich schlicht nicht leisten. Oder eine junge Mutter, deren krankes Kind wegen Abweisung im Spital kurze Zeit später an der durchaus zu behandelten Krankheit erlag. Diese und zahlreiche andere absurde Fälle schildert Michael Moore in seiner neusten Doku, Sicko.
Moore probiert aufzuzeigen, dass in den Vereinigten Staaten nach wie vor das Prinzip gilt, in dem die Reichen, hier die Versicherungen, auf Kosten der Armen gefördert werden. Er zeigt anhand von Insiderinformationen auf, wie bei Krankenkassen gearbeitet wird, wie die kleinsten formellen Fehler dazu verwendet werden, einem Versicherten die versprochenen Leistungen zu verweigern, und wie dieses System durch die amerikanische Administration kreiert und gefördert wurde.
Der Dokumentarfilmer bereist verschiedene andere Länder, um einen Quervergleich durchzuführen, unter anderem Kanada, England und Frankreich. Seine Folgerung ist, dass bei keinem dieser Länder auch nur ansatzweise die Gefahr der am Anfang beschriebenen Malheure besteht. Dessen Gesundheitswesen versprechen alle uneingeschränkte Betreuung, unabhängig von sozialer Schicht, Alter, Geschlecht und Krankenkasse.
Brisant wird es, als Moore versucht, seine kranken Freunde in das umstrittene Gefangenenlager der USA in Kuba auf Guantánamo Bay zu schiffen, da er erfahren hat, dass dessen Häftlinge volle medizinische Betreuung geniessen, und dessen Infrastruktur laut Rumsfeld "State of the Art" ist. Schliesslich befindet sich Guantánamo Bay ja unter amerikanischer Hoheit...
Kinofilm-Rating
Sicko sorgte für grossen Wirbel am sechzigsten Festival de Cannes. Dieses Mal ausser Konkurrenz, war es wieder einmal schwierig, überhaupt einen Platz in einer der vier Vorstellungen zu bekommen. Moore lässt wie immer keine Haar gerade an dem amerikanischen System, und als er in Frankreich mit einer Clique dort lebenden Amerikanern diskutiert, welche ihm das französiche Gesundheitssystem erklären, bleibt ihm, wenn auch ein bisschen gespielt, im wahrsten Sinne des Wortes die Kinnlade hängen.
Doch so Ernst das Thema auch sein mag, ein bisschen Humor muss auch sein. Dieser ist leicht verstreut über den ganzen Streifen zu finden, und so kann mindestens der nicht-amerikanische Zuschauer mit einem Lächeln aus dem Saal treten. Kein Lächeln beschert Michael Moore momentan jedoch die amerikanische Regierung, denn er ist wegen Verletzung des Embargos zu Kuba angeklagt, was in den Staaten mit Gefängnis bestraft wird. Produktionsmaterial und die Prints wurden auf jeden Fall wegen potentieller Beschlagnahmeaktionen aus dem Land geschafft.
Sicko hält sich generell an das von Moore bewährte Schema. Opfer des Systems treten vor die Kamera und erzählen ihre Geschichte, teils unter Tränen. Diese Schicksale versucht er anhand von Hintergrundinformationen zu generalisieren, um danach herauszufinden, warum es in andern Ländern besser klappt, und in Amerika nicht. Ein Novum ist allerdings die komplette Abwesenheit von Aussagen der Gegenseite, welche wie in Bowling for Columbine und Fahrenheit 911 eine herrlich unfreiwillig ironische Geschmacksnote beisteuerten. Es gibt also keine Statements von Krankenkassen und nur eine klitzekleine Archivaufnahme eines Arztes, der für die Abweisungen von Zahlungen an Patienten verantwortlich war. Wahrscheinlich ist der Name Michael Moore inzwischen auch ein Handycap, welches es nicht mehr so einfach macht, naive und unvorbereitete Antworten wie bei Bowling for Columbine zu bekommen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Sicko eine unterhaltsame Dokumentation ist, welche viele den Kinosaal kopfschüttelnd und froh, nicht in Amerika krank so werden, verlassen lässt.
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4.3 Sterne (32 Bewertungen) | 14 Kommentare



