Shine a Light (2007)
Shine a Light (2007)
Oder: Musik kennt keine Altersbegrenzung
In Schweizer Dörfern spielt bei runden Geburtstagen eines Bewohners die Feldmusik ein Ständchen, für den Sechzigsten von Ex-US-Präsident Bill Clinton kam die berühmteste Band der Welt: Die Rolling Stones. Das Beacon Theatre in New York wurde als Auftrittsort ausgewählt, welches verglichen mit den üblichen Dimensionen der Stones geradezu einem Wohnzimmer gleich kam. Schlussendlich spielte die Gruppe dort zwei Konzerte.
Musikfan Martin Scorsese erfuhr von diesen aussergewöhnlichen Gigs und fragte sogleich an, sie filmen zu können. Die Band willigte ein, und so versah Scorsese fast jeden Winkel der Bühne mit einer Kamera. Hautnah dabei sein sollte man, nicht das kleinste Detail verpassen. Und vor allem: Die immer noch vorhandene Magie der Stones mitbekommen können.
So spielen sich die Rockopas durch ihr Oeuvre und bekommen dabei Unterstützung von Jack White, Buddy Guy und Christina Aguilera. Zwischen den Songs pflanzte Scorsese Interviewschnipsel aus über vierzig Jahren Rolling Stones ein, und erweitert so das gegenwärtige Konzert mit bandhistorischen Versatzstücken.
Kinofilm-Rating
Über Geschmack lässt sich nicht streiten, weder im Film noch in der Musik. So liegt es auf der Hand, dass niemand mit Shine a light warm wird, der mit den Stones generell nichts anfangen kann. Bekehrt werden soll hier aber auch nicht. Scorsese wollte den Altherren des Rocks genauso ein filmisches Denkmal setzten, wie er es vor zwei Jahren mit der grandiosen Doku No direction home für Bob Dylan tat.
Am besten löst man also "Start me up", "As tears go by", "Brown Sugar" und wie die Songs alle noch heissen aus dem eigentlichen Kontext, und schaut auf den Rest. Der Start des Films, eine rund zehnminütige Observation der Konzertvorbereitungen, gestaltet sich leichtfüssig und wunderbar erheiternd. Wer die Stones live noch nicht gesehen hat, merkt schon dort, dass sich hier eine gewaltige Energie aufstaut, die sich später im Konzert entlädt. Jagger ist auf der Bühne ein verjüngter Derwisch, ein wahres Phänomen. Die Kameras folgen ihm auf Schritt und Tritt, fangen jede Grimasse ein, lassen erst los, wenn gerechtigkeitshalber auch mal die anderen Bandmitglieder gezeigt werden sollen.
Sowieso: Der Teufel liegt hier im Detail. Etwa, wenn Jagger sich, eher unbewusst, für ein Handyfoto in Pose schmeisst. Wenn Richards explosiv die Zigarette ausspuckt. Wenn "Dirrty" Aguilera zum Schulmädchen wird, und alle Bandmitglieder artig ein Küsschen gibt. Fantastisch die Szene, als Drummer Charlie Watts nach dem Songende einen tiefen Atemzug Richtung Kamera tut. "I'm too old for that shit" meint man von seinem Gesicht ablesen zu können, und doch weiss man, dass ihm jeder Schlag immer noch Spass macht. Auch wenn der Herr mal Maler werden wollte.
In der Tat grandios ist die technische Umsetzung von Scorseses Vorhaben, der sich sogar die Mühe machte, das Instrument des jeweils gezeigten Musikers im Sound hervor zu mischen. Auch seine geschichtlichen Einschübe platziert er geschickt, denn manchmal ist bei all der Action auf der Bühne Auflockerung vonnöten. Shine a light ist deshalb ein überaus gelungener wie auch ambitionierter Konzertfilm geworden, der zwar zu keinem Zeitpunkt die wahre Live-Atmosphäre eines Gigs entfalten kann - was auch im Dolby-Surround Kinosaal einfach ein Ding der Unmöglichkeit ist - sich aber mit seiner technischer Brillanz auszeichnet und das Phänomen Rolling Stones imposant rüberbringen vermag.
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