Le scaphandre et le papillon (2007)

Schmetterling und Taucherglocke

Le scaphandre et le papillon (2007) Schmetterling und Taucherglocke

Oder: In Würde Abschied nehmen

Hattest du schon einmal einen Albtraum, in dem du rennen wolltest und dich nicht mehr bewegen konntest?

Le scaphandre et le papillon

Dem James Bond mach' ich bald das Leben schwer...

Für Jean-Dominique Bauby (der neue James Bond Bösewicht Mathieu Amalric) wird dieser Albtraum zur beängstigenden Realität, als er nach 20 Tagen im Koma aufwacht und feststellt, dass er vollkommen gelähmt ist - einzig sein linkes Auge ist nicht zur starren Maske verkommen. "Locked-in Syndrome" wird dieses äusserst seltene Phänomen genannt. Es beschreibt die lebenslängliche Gefängnisstrafe eines wachen Geistes im Kerker eines unbrauchbar gewordenen Körpers.

Das ist ein herbes Erwachen für den 43-jährigen Jean-Do, wie ihn seine Freunde nennen. Vor seinem Schlaganfall war er Chefredakteur der französischen Elle, fuhr schnelle Wagen, hatte eine wunderschöne Lebensgefährtin, drei süsse Kinder und eine Geliebte, die verrückt nach ihm war. Und jetzt? "Die Leute sagen, du seist ein Gemüse", rutscht es einem Freund bei einem Besuch unbedacht heraus. Jean-Do, ganz der Zyniker, fragt sich, ob er wohl eher eine Karotte oder eine Gurke sei.

Le scaphandre et le papillon

...aber zuerst ist noch mal etwas Entspannung angesagt.

Baubys Leben ist von nun an reduziert auf eine wechselnde Parade von Leuten in Weiss, seinem Zimmer, den endlosen Gängen und Therapieräumen in einem Spital in Breck-sur-Mer. Jean-Do, der ehemalige Lebemann, will sterben. Bis er mit Hilfe einer attraktiven Logopädin (Marie-Josée Croze) lernt, wieder mit seiner Aussenwelt zu kommunizieren. Einmal blinzeln für "Ja", zweimal für "Nein". So kann Jean-Do Fragen beantworten. Oder ganze Sätze diktieren. Das Alphabet wird ihm vorgelesen, Bauby blinzelt die Wörter zusammen. Ein anstrengender Prozess, der aber seinen Verstand rettet. Seine Phantasie, die könne ihn überall hin tragen, wie ein Schmetterling, während sein Körper in der Taucherglocke gefangen sei, sagt er. Mit Hilfe einer Lektorin (Anne Consigny), die bald zu einer Vertrauten wird, macht Jean-Dominique Bauby sich auf, seine Geschichte zu schreiben; einen Wimpernschlag nach dem anderen...


DVD-Rating

Man mag es kaum glauben: Julian Schnabel hat in den letzten zwölf Jahren erst drei Spielfilme gedreht. Als erfolgreicher Maler kann er sich dies erlauben. Dementsprechend sind seine Filmprojekte handverlesen und jedes einzelne eine Perle. "Schmetterling und Taucherglocke" setzt dabei thematisch und qualitativ an Schnabels zwei vorherige Filme an (Basquiat, Before Night Falls). Mit Jean-Dominique Bauby, dem ehemaligen Chefredakteur von "Elle", geht es wieder um eine kreative Persönlichkeit unserer Zeit, deren Leben sich schlagartig verändert. Die Diagnose: "Locked-in-Syndrom".

Der Einstieg ist eindrücklich. Sofort finden sich Bauby (Mathieu Almaric) und mit ihm zusammen die Zuschauer auf einem Krankenbett wieder, begafft von Krankenschwestern und Ärzten. Indem der Film aus der direkten Perspektive des noch funktionierenden Auges von Bauby gefilmt wurde und seine Gedanken stets im Off hörbar sind, entsteht weniger Mitleid, als vielmehr ein unmittelbares Identifikationsgefühl mit dem Betroffenen. Klaustrophobe Gefühle stellen sich ein, die Taucherglocke wird zur Metapher.

Der Film entwickelt sich zu einem Bewusstseinsprozess für den Betroffenen und im Endeffekt für das Publikum selbst. Erst als Bauby sein Schicksal akzeptiert, wechselt die Kameraperspektive. Der Zuschauer darf endlich aufatmen. In seinem tristen Alltag werden die Fantasie und die Erinnerungen zu einer malerischen Collage seines Lebens. Lustvoll lechzt er nach Austern und Frauen und in einer Rückblende gerät ein liebevoller Dialog mit seinem Vater (eindrücklich gespielt von Max von Sydow) zu einer unbewussten Abschiedsszene. Die Terrasse des Spitals wird zu seiner Cinecittà. Sogar das Buchstabieren wird mit Baubys Humor zu einem Erlebnis.

Die Ruhe und Beständigkeit von Janusz Kaminskis (Schindler's List, Saving Private Ryan) Bildern, die fantastischen Schauspieler, deren Mimik man selten von so nah beobachten durfte, Julian Schnabels einmaliger Riecher für unvergessliche Geschichten und eine starke musikalische Unterlegung (u.a. Tom Waits, U2, Charles Trenet), die nachklingt, machen diese Filmadaption von Jean-Dominique Baubys einzigartigem Selbstzeugnis zu einem Meisterwerk. Es wäre zu wünschen, dass Julian Schnabel nicht erst in sieben Jahren wieder einen neuen Film dreht, aber vielleicht sind es gerade diese kreativen Unterbrüche, die den Regisseur immer wieder zur Höchstform auflaufen lassen.

Die DVD enthält überdies ein rund 50minütiges Bonusmaterial. Ein Making-of, eine Dokumentation über die technische Machart von Kaminskis starker Bildsprache, ein Interview mit Julian Schnabel bei Charlie Rose, eine Photogalerie und natürlich der Trailer zum Film komplementieren das überaus empfehlenswerte Werk.

5.0 Sterne 4.8 Sterne
5.0 Sterne (38 Bewertungen) | 1 Kommentar

6.0 Sterne6 von 0.0-6.0
12.11.2008 / fra (Inhalt), jak (Rating)


DVD-Infos

DVD erschienen am 09.10.2008

  • Bildformat: 16:9
  • Sprachen: Deutsch (DD 5.1); Französisch (DD 2.0, DD 5.1)
  • Untertitel: Deutsch
  • Extras: Making of; Interview mit Julian Schnabel; Dokumentationen; Fotogalerie; Trailer