Redacted (2007)
Redacted (2007)
Oder: Filmen, was ist
Ein Zug US-Soldaten, wie es ihn wohl zu Tausenden gibt, ist in Samara im Irak stationiert. Trotz der Tarnfarben lassen sie sich als Personen unterscheiden: die belesene Brillenschlange, der tumbe Fettwanst, der überbesorgte Korporal, der sexsüchtige Südstaatler und ein Latino mit Videokamera, der die Truppe fürs Bewerbungsvideo zur Filmschule ständig filmt. Ihre Aufgabe ist es, den Zugang zur Stadt zu sichern. Strassensperren sollen Aufständige davon abhalten, mit explosivem Material anzurücken. Trotz mehrsprachiger Schilder mit Anweisungen kommt es immer wieder zu brenzligen Situationen. Man steht unter ständigem Stress.
Als die GIs eine hochschwangere Frau, deren Mann auf dem Weg ins Spital nicht abbremsen wollte, erschiessen, macht sich Kaltschnäuzigkeit bemerkbar. Im Zelt des Stützpunkts kommt es zu einem Handgemenge, weil nicht alle Soldaten gleichviel Mitgefühl für das Opfer empfinden. Die rassistischsten zwei Hitzköpfe planen beim nächtlichen Pokerspiel aber schon bald die nächste Gräueltat. Sie wollen einem 15-jährigen Mädchen, das täglich an der Kontrolle vorbei gehen muss, einen Besuch abstatten, um es zu vergewaltigen.
Kinofilm-Rating
Als in meiner 3. Sek der Vietnamkrieg durchgenommen wurde, haben die beiden Mädchen, die dazu einen Vortrag gestalten mussten, sich entschieden, Casualties of War zu zeigen - nicht Platoon, nicht Apocalypse Now, nicht Full Metal Jacket und wie die anderen "bekannteren" Vietnamfilme alle heissen. Sie fanden, dieser Film zeige die Grausamkeiten des Krieges am besten. Darin wird Michael J. Fox von seinem Zugführer Sean Penn gezwungen, eine Vietnamesin zu vergewaltigen. Der Regisseur hiess Brian de Palma.
Achtzehn Jahre später muss De Palma eine ähnliche Geschichte nochmals drehen. Diesmal nicht als fiktives Werk, sondern eine Art Mockumentary aus Homevideos von Soldaten, einem Frontbericht einer französischen Filmcrew, YouTube, Überwachungskamerabildern, islamistischen Propagandasites und Al-Jazeera-Nachrichten. Mit unbekannten Schauspielern stellt er den wahren Fall, die Vorgeschichte, die zur Ermordung von Abeer Hamza und ihrer Familie führte, nach. Und weil der Krieg, um den es diesmal geht, noch immer im Gange ist, will er Redacted als Aufruf zum Protest verstanden haben.
Bewusst wählt er den Euphemismus als Titel, der heute gebraucht wird, um das Wort Zensur zu vermeiden. Gemeint sind die PR-Spezialisten im Pentagon, welche die Nachrichten so redigieren, das sie weniger drastisch erscheinen. Die schlimmsten Bilder im Redacted sind denn auch die ungeschönten Bilder von Kriegsopfern im mit "Kollateralschäden" betitelten Epilog. Diese schocken, wie das wohl auch die beiden Mädchen aus meiner Sek-Klasse mit Casualties of War tun wollten. Das Reenactement davor wirkt seltsam in der Machart. Nicht nur weil man den Hitchcock-Fan De Palma als Arrangeur ausgeklügelter Kameraperspektiven kennt - eine Kunstfertigekeit, die man für das Abfilmen einer YouTube-Seite nun wirklich nicht braucht - sondern auch, weil gerade das Massaker von Mahmudjia ausführlich dokumentiert ist, und die Schuldigen für Jahrzehnte hinter Gitter mussten. Auch De Palma hat seine Geschichte darauf aufgebaut, was vor dem Militärgericht als Fakten zur Sprache kam. Von Vertuschung seitens des Militärs ist also wenig zu spüren. Da lob ich mir in the Valley of Elah, einen anderen Film am Festival von Venedig, der sich auch mit der Sinnlosigkeit der Irakinvasion auseinandersetzt. Darin wird das Weltbild eines US-Patrioten erschüttert. De Palma offenbart mit seinen möglichst realen Bildern "nur" das Offensichtlichste. Im Bootcamps ist‘s langweilig und die Hohlen agieren im Krieg noch hohler. Protestmärsche sind wegen dieses Films keine zu erwarten.
![]()
3.4 Sterne (12 Bewertungen) | 1 Kommentar


