Quelques Jours Avant La Nuit (2007)
Quelques Jours Avant La Nuit (2007)
Oder: Im goldenen Käfig
Nach einem schweren Autounfall ist die ehemalige Starpianistin Anne (Caroline Graber) Gefangene in ihrem eigenen, grossen Haus irgendwo auf dem Land, wo sie mit ihrem 20-jährigen Sohn lebt. Dieser allerdings scheint ein ziemlicher Taugenichts zu sein, ist er doch nie zuhause. In Annes Haus zu Rechten sehen ihr Nachbar (Jean-Pierre Gos) und ihre gelegentlich zu Besuch kommende Schwester (Pascale Vachoux). Das Dienstmädchen hingegen hat sich über Nacht aus dem Staub gemacht, weshalb bald schon ihre Nachfolgerin (Anne-Shlomit Deonna) auf der Matte steht. Schon bald merkt diese, dass in diesem Haus irgendetwas nicht stimmt: Während die von ihren Medikamenten benebelte Anne immer mehr von der Realität entrückt, scheint sich der Nachbar etwas allzu liebevoll um die Hausherrin zu kümmern. Und Annes Sohn scheint spurlos verschwunden, dafür taucht ein mysteriöser Fremder (David Marchetto) auf dem Anwesen auf...
Kinofilm-Rating
Die Entdeckung der 43. Solothurner Filmtage - zumindest für das Deutschschweizer Publikum - ist gestandene 66 Jahre alt und hat den klangvollen Namen Simon Edelstein. Mit Quelques Jours Avant La Nuit ist ihm ein vorzüglicher kleiner Psychothriller gelungen. Edelstein versteht es ausgezeichnet, Spannung aufzubauen und mit dem Zuschauer zu spielen. Wenn auch die Story ein ganz klein wenig abstrus ist und vor allem gegen Ende ins Groteske geht: Nie ist das Ganze lächerlich, die Spannung bleibt konstant hoch und das Psychospiel der Protagonisten ist gleichermassen unheimlich wie komisch. Vor allem Hauptdarstellerin Caroline Graber beherrscht das Spiel auf dem schmalen Grat zwischen Normalität und Wahnsinn exzellent. Mann weiss nie so recht, ob sie nun bereits "rübergekippt" ist. Mit entrücktem Lächeln hört sie Schubert, und weder bei ihr noch bei den anderen Protagonisten ist eine eindeutige Einordnung in Gut oder Böse zweifelsfrei vorzunehmen.
Bei Filmen dieses Genres besteht immer die Gefahr, mit einem missglückten Ende den ganzen Film zu versauen: Entweder durch eine alles erklärende, aber superdämliche Auflösung, oder aber durch ein bequemes "You figure it out"-Ende, das die ganze Denkarbeit dem Zuschauer überlässt. Quelques Jours Avant La Nuit vermeidet beides - und ist elegant bis zur letzten Einstellung. Man kann dem Film den Vorwurf machen, ein klein wenig in die Länge gezogen zu sein, zumal er seine Spannung weder aus Schockeffekten noch aus überraschenden Wendungen generiert. Doch der Weg ist schliesslich das Ziel - mit dieser Devise lässt sich der Film und die mehrmals aufblitzenden Funken dunklen Humors bestens geniessen, ohne dass es langweilig wird.
Simon Edelstein hat sich als Regisseur unzähliger Reportagen und Dokumentarfilmen für das französischsprachige Schweizer Fernsehen TSR einen Namen gemacht. Daneben ist er auch noch Fotograf und dreht Filme - sein erster Spielfilm datiert aus dem Jahr 1973. Man fragt sich, weshalb er nicht schon längst einem breiteren Schweizer Publikum bekannt ist. Nimmt man Quelques Jours Avant La Nuit als Richtmass, soll sich das schnellstens ändern.
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