Pas douce (2007)

Pas douce (2007)

Oder: Nicht auf Minderjährige zielen!

Pas douce

Ein Weiblein steht im Walde...

Eine junge Frau (Isild Le Besco) läuft durch den Wald, eine längliche Tasche geschultert. An einem Baum macht sie halt, öffnet ihr Gepäck und entnimmt ihm eine Flinte. Die Frau heisst Fred, ist 24-jährig und hat beschlossen, sich das Leben zu nehmen. Zuviel hat sie verloren in letzter Zeit: Die Trennung von André, ihr Vertrauen in ihren Vater, die Freude am Leben, alles Mankos, die nicht mehr zu kompensieren scheinen.

So richtet sie den Lauf unter ihr Kinn, schluckt ein letztes Mal, vernimmt Kinderstimmen, und schaut in die Richtung, aus der sie kommen. Zwei Buben machen Unfug. Der eine triezt den anderen, und dieser schiesst ihm mit der Steinschleuder mitten ins Gesicht. Fred lässt von ihrem Vorhaben ab, nimmt den Schützen ins Visier, und schiesst ihn selber ab. Ein sauberer Treffer ins Knie.

Pas douce

Wrigleys Doppelgänger?

Im Dorf zurückgekommen, will Fred die Tat sofort gestehen, und doch macht sie es nicht. Der falsche Zeitpunkt, die Angst, die Ohnmacht, über das, was sie getan hat - irgendetwas hält sie immer davon ab. Als sie wieder zur Arbeit geht, stellt sie mit Schrecken fest, dass sie für den Jungen namens Marco (Steven de Almeida) zuständig ist. Marco ist ein Scheidungskind, ein Trotzkopf, dessen Aggressivität ihn für die Eltern unfassbar macht. Diese Züge zeigt er auch Fred, und doch schafft sie es, immer mehr in die Seele des Jungen durchzudringen.


Kinofilm-Rating

"Sag', dass dir das Sterben nichts ausmacht", meint eine Krankenschwester zu Fred in den ersten Minuten des Films. Sie antwortet nicht darauf, obwohl ihre todtraurigen Gedanken nichts anderes als ein "Ja" zulassen würden. Was Hauptdarstellerin Islid Le Besco überzeugend zeigt, ist eine starke wie auch zugleich schwache Frau. Bis sie Marco anschiesst, gibt es für sie keinen Grund, irgendwelche Tränen für irgendwer zu vergiessen, schon gar nicht für sich. Doch plötzlich liegt da ein Junge mit einem Knie, dass so zerfetzt ist, wie das Gewissen der Krankenschwester.

Was Regisseurin Jeanne Waltz in Pas Douce realisiert, ist weit entfernt von der "Ehre das Leben"-Mentalität. Sie geht nicht moralisch vor, sondern zeichnet ein Porträt eines jungen Menschen, stellvertretend für viele junge Menschen, die in unserem Land leben und deren Weltordnung unter den Teppich gekehrt wurde. Fred hat triftige Gründe sich zu erschiessen, doch im entscheidenden Moment mindestens einen Grund mehr, Marco eine Lektion zu erteilen. Nur zielt sie im übertragenen Sinn immer noch auf sich: Marco stösst Leute genauso vor den Kopf, kommt mit seinem Umfeld nicht ins Reine. Seine Pflege bedeutet ein Heilungsprozess zweier Körper, an dessen Ende die Wahrheit steht.

Bis es aber soweit ist, lässt dieser formidable kleine Film die Welt nicht richten. Er lässt nie zu, dass wir die Hauptperson verteufeln, auch wenn wir es faktisch dürften. Die Schönheit, die lange nicht zu existieren scheint in diesem Film, darf plötzlich doch eintreten, sich ausbreiten. Und dass dies alles auf einem Gewaltakt gründet, steht wohl für unsere Gegenwart.

4.3 Sterne
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10.02.2007 / uas