The Kite Runner (2007)
Drachenläufer
The Kite Runner (2007) Drachenläufer
Oder: Afghanistan, wie's früher war!
Die Jugendfreunde Amir (Zekiria Ebrahimi) und Hassan (Ahmad Khan Mahmoodzada) verbringen jede freie Minute mit Drachensteigen in Kabul Ende der 70er-Jahre. Die zwei verbindet eine tiefe Freundschaft, obwohl sie aus verschiedenen Gesellschaftsschichten kommen. So ist Hassans Papa Ali (Nabi Tanha) der Diener im Hause von Amirs Vater (Homayoun Ershadi), ein gebildeter, reicher und prinzipientreuer Geschäftsmann, dessen Anwesenheit geschätzt und Ehre gepriesen wird. Jedoch kann er sich nicht in seinem Sohn wieder erkennen und schätzt dadurch Hassans Furchtlosigkeit umso mehr.
Trotz dieses gesellschaftlichen Unterschieds verbindet die Jungen die Freude an der Kunst des Drachenfliegens, welches vor allem darauf abzielt, den Drachen der Wettkampf-Gegner so zu schneiden, dass die Leine reisst und der in der Luft schwebende Segler dadurch fortan dem Sieger gehört. Hassans Intuition und Gespür für den Landeort machen ihn zum titelgebenden Drachenläufer.
Am Tag des lange herbeigesehnten Flugwettbewerbs endet das Spiel zwar mit dem Sieg der beiden Jungen, doch die Suche nach dem erkämpften Drachen führt Hassan in die Hände einer Jugendbande, welche ihn für seinen Mut massregeln wollen und körperlich schwer erniedrigen. Amir, der die Szene aus dem Hinterhalt beobachtet, hat nicht den Mut, einzugreifen. In der Folge zerbricht die Freundschaft, da Amir es nicht ertragen kann, Hassan zu sehen und so ständig mit seinem Verrat konfrontiert sein zu müssen.
Mit dem Einmarsch der Sowjetunion fliehen Amir und sein Vater über die pakistanische Grenze bis ins amerikanische Exil. Hier wächst er auf, besucht das College, lernt ein Mädchen aus der afghanischen Gemeinde kennen und gewinnt langsam den Respekt seines Vaters. Seine Zerbrechlichkeit weicht langsam der Erkenntnis seines früheren Handelns, was er durch das Schreiben seiner Biographie aufzuarbeiten versucht. Da kommt ein Telefon aus der alten Heimat mit der Botschaft, er könne alles wieder gut machen...
Kinofilm-Rating
Khaled Hosseinis 2003 veröffentlichter Debütroman "The Kite Runner" begeisterte rund um die Welt die Kritiker und die Leser. So würdigt ihn beispielsweise die Frankfurter Allgemeine Zeitung als "grossen Roman über den Willen zu einem versöhnlichen Neuanfang". Eine filmische Adaption bot sich also zwangsläufig an, doch ebenso überraschend wie der internationale Erfolg dieser afghanischen Geschichte, wurde der Inhalt nicht amerikanisiert oder der Film mit bekannten Stars ausstaffiert.
Drehbuchautor David Benioff (25th Hour) entschied in Absprache mit dem Autor, dass der Film zum grössten Teil auf Dari (eine der beiden afghanischen Hauptsprachen) gedreht werden sollte, da dies eine realistischere Herangehensweise und dadurch eine höhere emotionale Bindung zwischen Figuren und Publikum erlaubte.
Mit der Realisation der Geschichte betraut wurde Marc Forster. Der in Davos aufgewachsene Regisseur hat es bisher geschafft, verschiedene Genres problemlos zu durchqueren ohne jedoch seine Filme (Stranger than Fiction, Stay, Finding Neverland, Monster's Ball) genrekonform und leblos zu gestalten. Alle leben von Ansammlungen magischer Momente, deren volle Entfaltung aber nur im Kontext des ganzen Filmes zum Ausdruck kommt. Dies gelingt ihm auch bei Kite Runner. Der Film an sich ist ruhig erzählt, zum Teil unspektakulär und auch nicht immer frei von Klischees, doch seine speziellen Momente lassen ihn lange über den Kinosessel hinaus wirken.
Forster gelingt es, die epische und emotionale Geschichte um Vergebung und Wiedergutmachung in rund zwei Stunden einzufangen, ohne den Zuschauer zu langweilen, oder mit unnötigen Verwirrungen hinzuhalten. Es ist die Einfachheit der Bilder und die Nähe zu den Protagonisten, welche fesselt. Die Leere der endlosen Wüstenlandschaft Afghanistans (in China gedreht) und als Kontrast das pulsierende Leben in Kabul der 70-er Jahre wird vor allem zu Beginn durch die emotionale Verfassung von Amir reflektiert. Der Laiendarsteller Zekiria Ebrahimi (wie auch Hassan-Darsteller Mahmoodzada in den Strassen Kabuls entdeckt) spielt dabei überzeugend den unschuldigen und spielfreudigen Jungen, der um die Anerkennung seines Vaters mit Hilfe des Drachenfliegens kämpft, aber andererseits nicht den Mut hat, seinem besten Freund beizustehen und ihn sogar verstösst.
Amir, welcher die Haupt- und somit auch die Identifikationsfigur des Filmes ist, wird als Erwachsener vom britischen Schauspieler Khalid Abdalla verkörpert, welcher überzeugend die emotionale Hilflosigkeit aussendet, in die er sich durch seinen Verrat in der Kindheit hineinmanövriert hat. Die Verarbeitung ist schleppend, doch er wird erwachsen und lernt, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Nicht nur die Hauptdarsteller überzeugen, sondern auch die vielen Gesichter in der zweiten Reihe. Eine unglaubliche Leinwandpräsenz markiert dabei Homayoun Ershadi, der Vater von Amir. Hiermit wird sich der iranische Schauspieler sicher für weitere internationale Filmprojekte empfehlen.
Ohne zu viel verraten zu wollen, widerspiegelt die dreiteilige Struktur des Filmes den Verlust der Unschuld, das Leben damit, sowie die Möglichkeit zur Wiedergutmachung. Dies hätte leicht zum kitschigen Hollywood-Film mit vorprogrammiertem Happy-End gemacht werden können, doch Kite Runner macht es sich hier nicht zu leicht. Der Film schafft es, sich nicht im Politischen zu verheddern, sondern liefert einen nuancierten Blick auf eine uns fremde Kultur in einem kriegsversehrten Land, ohne die Geschichte und die Personen aus den Augen zu verlieren. Letztlich ist es die Botschaft des Filmes, welche berührt: Vergebung und Liebe sind mächtigere Gefühle als Verrat und Hass.
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