Katyn (2007)
Das Massaker von Katyn
Katyn (2007) Das Massaker von Katyn
Oder: Ein polnisches Trauma
Am 17. September 1939 drangen sowjetische Truppen in Polen ein, kurz nach der deutschen Invasion. Über 18'000 Offiziere, 230'000 Soldaten und 12'000 Polizisten werden festgenommen und in Lager geschickt. Unter den Gefangenen befindet sich auch der Offizier Andrzej. Zwar ergibt sich für ihn eine Möglichkeit der Flucht, als seine Frau Anna ihn vor dem Abtransport trifft, doch stellt er seinen Militäreid über sein Eheversprechen.
Rund ein halbes Jahr später diskutiert das Politbüro der kommunistischen Partei, was mit den Kriegsgefangenen zu tun ist. Joseph Stalin entscheidet, 15'000 Menschen erschiessen zu lassen. Das Massaker findet in Katyn statt, die Leichen werden in einem Massengrab verscharrt. Drei Jahre später finden deutsche Truppen dieses. Konfrontiert mit dem Massenmord, bezichtigen die Sowjets den Feind Deutschland als Täter.
Als der Krieg vorbei ist, warten Tausende von Frauen auf die Rückkehr ihrer Männer, darunter auch Anna. Bald schon findet sie nicht nur heraus, dass ihr Mann tot ist, sondern dass er von den Sowjets, und nicht von den Russen ermordet wurde. Doch im besetzten Polen ist jede Äusserung darüber eine hochgefährliche Sache, was Anna und andere Mitwisser bald selber erfahren müssen.
Kinofilm-Rating
Die letzten 15 Minuten dieses Filmes gleichen einem Ventil. Sie lassen los, was sich in der ganzen vorherigen Spielzeit aufgestaut hat. Noch härter, noch schrecklicher schlagen einem diese Szenen ins Gesicht, die mit brutalster Genauigkeit zeigen, wie der Massenmord in Katyn ablief. Zwei Russen packen einen Polen, führen ihn durch Kellergänge, bringen ihn in einen Raum und erschiessen ihn mit einer Trockenheit, die das Blut gefrieren lässt. Dann werfen sie ihn auf einen Stapel von Körpern, in einen Graben, der von einem Bagger zugefüllt wird. Leute werden hier in Massenabfertigung getötet, wie Autos am Fliessband gefertigt werden.
Katyn steht für einen polnischen Albtraum, ein Ereignis, dass durch diesen Film Transparenz verliehen wird, und letztendlich vor allem für das Land selber wichtig ist. Gedreht hat ihn der legendäre Andrzej Wajda, gefördert wurde er von der Regierung, entstanden ist er in 4K-Technik, diesem hochauflöslichen Format, dass sonst nur bei Hollywood-Blockbuster eingesetzt wird. Der Hintergrund ist klar: Die Polen wollen diesen Geschichtsteil in Ausführlichkeit aufarbeiten, um das Trauma ein für alle Mal zu verdauen. Wohl wird kein polnischer Schüler in Zukunft an diesem Film vorbei kommen.
Eigentlich hätte ein Dokumentarfilm über dieses Ereignis sicherlich seine Wirkung nicht verfehlt. Als Spielfilm verpflichtet es sich jedoch der Handlung, und die ist nicht immer so klar. Es werden nämlich nicht nur mehrere Schicksale gezeigt, sondern auch mit vielen Zeitsprüngen gearbeitet. Kommt dazu, dass die Russen und Polen von der Sprache nicht trennbar sind, wie auch die Uniformen kaum auseinander zu halten sind. Als die Geschichte eines polnischen Überläufers erzählt wird, ist es schwer, denn Überblick zu behalten.
Jedoch vermittelt der Film seine Fakten eindringlich und präzise, und zeigt uns in der Nachkriegsphase die Stimmung in Polen. Der Krieg ist vorbei, und trotzdem fühlt sich die Bevölkerung durch die sowjetische Besatzung bedroht und verunsichert.
Katyn ist ein aufschlüssiges Geschichtsdrama geworden, gibt sich aber in den Portraits der betroffenen Menschen ein wenig kompliziert. Ob rein die aufwändige Produktion genügt, um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film zu gewinnen, wird sich zeigen.
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