Irina Palm (2007)

Irina Palm (2007)

Oder: Von der Palme gewedelt

Irina Palm

Inspektion des Arbeitsgerätes

Maggies (Marianne Faithfull) Grosskind Ollie ist schwer krank. Nur eine Spezialbehandlung in Melbourne kann ihm noch das Leben retten. Doch für die Reise und Unterkunft fehlt den Eltern Sarah und Maggies Sohn Tom das Geld. Verzweifelt sucht Maggie nach einem Weg, innerhalb von sechs Wochen die nötigen finanziellen Mittel aufzutreiben. Nur: Ganz so leicht ist das nicht: Maggie hat weder eine Ausbildung, noch gespartes zur Verfügung, und ihr Haus hat sie bereits verkauft. Alle Bemühungen einen Job zu finden bleiben an ungläubig dreinblickenden Arbeitgeber-Augen hängen.

Die pure Aussichtslosigkeit ist es dann auch, die sie in einen Sexclub lockt. Am Eingang steht das Schild "Hostessen gesucht - Top Verdienst", und so stellt sie sich dem Geschäftsführer Mikky vor. Der erklärt ihr schnell einmal, dass eigentlich Huren gemeint sind. Dass Maggie geschockt ist, ist wohl genauso verständlich wie ihr unverzügliches Verlassen des Clubs, nachdem Mikky ihr anbietet, bei Männern Hand anzulegen.

Irina Palm

"DER NÄCHSTE!"

Maggie hat aber keine andere Wahl, als über ihre moralische Grundeinstellung hinwegzusehen, und den "Hand-Job" anzunehmen. Dabei führt sie die erfahrene Luisa ein. Aller Anfang ist schwer, und so muss sich Maggie weniger mit der Technik, als mit dem Ekel auseinandersetzen. Doch sie ist gut, so gut sogar, dass die Kunden Schlange stehen, und sie einen Künstlernamen erhält: Irina Palm. Andere Sexclubbesitzer wollen sie abwerben, sie bleibt aber loyal, jedenfalls so lange, bis sie das Geld zusammen hat. Dann will sie ihre kometenhafte Karriere sofortigst beenden.

Währenddessen rätseln ihre vernachlässigen Freundinnen und Angehörigen, was Maggie bei ihrer neuen Arbeit überhaupt macht. Dann aber folgt ihr Tom, und findet das Geheimnis heraus. Nun muss Maggie abermals über ihren Schatten springen und Rechenschaft abliefern.


Kinofilm-Rating

Marianne Faithfull beim professionellen Befriedigen von Männern, was für eine Idee! Da kommt einem schon das Lachen nur schon vom Hörensagen. Sieht man sie beim Einarbeiten, dann versucht man sich zu erinnern, wann einem in letzter Zeit eine groteskere Szene im Kino vor Augen gekommen ist. Später wird es sogar noch dubioser: Dann, wenn Maggie mit Putzschürze und Thermoskanne zur Arbeit kommt, wenn sie dabei Illustrierte liest, wenn sie die Zelle mit Bildern von zuhause schmückt. Selten zeigte das Unterwandern der Gürtellinie soviel Geschmack, wie in diesen Szenen.

Aber nochmals Marianne Faithfull: Was die Frau hier zeigt, ist eine Offenbarung. Sie ist schrullig, naiv, lieblich, gemein, kurz: Eine Heldin des Alltags, die untertaucht, um unter allen Umständen ein Unglück abzuwenden. Wenn sie meint, Ollie würde ihr Geheimnis viel später mal erfahren, dann sind ihre Augen erfüllt von einem remedierenden Optimismus, und ihre Stimme klingt wie die eine Märchentante. Faithfull soll anscheinend 24 Stunden nach Übermittlung des Drehbuches zur Rolle zugesagt haben. Sie wusste von Anfang an genau, welch Potenzial darin liegen würde.

Der Witz der skurrilen Clubszenen wird aber mit den Zuständen rund um Maggie relativiert. Denn humorvoll ist der Grund für ihren Lustgewerbe-Abstecher keinesfalls. Die Krankheit von Ollie hat allen zugesetzt und sorgt für Spannungen, die mit keiner Tasse Tee aus der Welt geschaffen werden können. Das ist die tragische Seite von Irina Palm. Gezeigt wird eine einsame Witwe, die zu früh heiratete und zu spät realisierte, dass das Leben keinen Halt macht. Da gönnen wir ihr doch ein Happy-End.

4.6 Sterne
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15.02.2007 / uas