Der Freund (2007)
Der Freund (2007)
Oder: Schäre Stei Papier...
Student Emil (Philippe Graber) ist schüchtern, verklemmt - und unsterblich verliebt in die attraktive Sängerin Larissa Mahler (Emilie Welti). Wenn immer diese im Zürcher Klub Helsinki auftritt, ist er zugegen und lauscht fasziniert ihren Songs. Er ist überzeugt, dass eine Seelenverwandtschaft besteht. Seine Versuche, Larissa auf sich aufmerksam zu machen, scheitern allerdings kläglich. Die grosse Chance bietet sich ihm, als die Angebetete eines Tages den Spiess umkehrt und ihn anspricht. Sie bittet ihn, sich gegenüber ihrer Familie als ihren Freund auszugeben. Einfach so, man könne ja nie wissen. Emil ist verwirrt, aber auch glücklich, endlich den Kontakt mit ihr hergestellt zu haben, und willigt ein.
Als er Larissa kurze Zeit später auf ihr Handy anrufen will, nimmt deren Schwester Nora (Johanna Bantzer) ab. Sie informiert ihn, dass ihre Schwester durch einen Stromschlag während des Gitarrespielens ums Leben gekommen sei. Als er daraufhin von Nora und ihren Eltern (Andrea Bürgin, Michel Voïta) für Larissas Freund gehalten wird, klärt er diesen Irrtum nicht auf, sondern besucht die trauernde Familie. Die ist natürlich neugierig auf den jungen Mann, den sie noch nie zu Gesicht bekommen hat. Emil seinerseits ist geschmeichelt von der Aufmerksamkeit, die ihm zuteil kommt, fürchtet aber auch, dass die Wahrheit ans Licht gelangt. Während der gemeinsamen Trauerarbeit kommen er und Nora sich immer näher...
Kinofilm-Rating
Das Regiedebut von Micha Levinsky, der sich unter anderem als Drehbuchautor für Sternenberg verantwortlich zeigte, wankt zwischen be- und anrührend, mit leichtem Übergewicht auf Ersterem. Protagonist Emil ist dermassen unbeholfen und uncool, dass er nicht nur von Nora, sondern auch vom Zuschauer zwangsläufig ins Herz geschlossen werden muss. Hauptdarsteller Philippe Graber verleiht ihm einen unwiderstehlich tapsigen Charme und erinnert dabei sowohl äusserlich als auch durch sein Spiel ein wenig an Beat Schlatter in jüngeren Jahren. Auch Co-Hauptdarstellerin Johanna Bantzer macht als linkische Nora, die immer im Schatten ihrer talentierten Schwester gestanden ist, einen prima Job. Wie sich zwischen den beiden introvertierten Hauptfiguren aus einem "Schäre-Stei-Papier"-Spiel eine schüchtern verklemmte Liebesszene entwickelt, ist einer der schönsten Momente des Filmes. Diese und weitere tragikomische Szenen lassen auch über die etwas gesuchte Ausgangslage hinwegsehen.
Heimliche Hauptdarstellerin des Filmes ist allerdings die Darstellerin der Larissa, Emilie Welti, die sich unter dem Pseudonym Sophie Hunger und als Frontfrau der Band Fisher in der Musikszene schon einen gewissen Namen geschaffen hat. Wenn sich ihre visuelle Screentime auch auf wenige Minuten beschränkt, bleibt sie doch mit ihren Songs über den ganzen Film eindringlich präsent. Während die Protagonisten mit ihrer Trauer über den Verlust und den langen, schmerzhaften Abschied von Larissa klarkommen müssen, schwebt diese singenderweise wie eine Art wachender Geist über den Lebenden. Levinskys Film lässt Hungers melancholisch versponnenen Songs sehr schön zur Geltung kommen. Von der Dame wird garantiert noch zu hören sein. Heute noch "Sophie Who" und ein Geheimtipp, hat sie das Potenzial zu einem funkelnden Aushängeschild der Schweizer Musikszene. Aber bitte bitte Sophie, erspar uns auch als potenzielle Neo-Berühmtheit Duette mit Helveto-Musikanten wie Florian Ast oder Baschi! Besten Dank im Voraus.
Der Film wird Sophie Hungers Popularität wohl ziemlich boosten. Neben ihr erhalten zudem weitere Bands die Gelegenheit, sich im Rampenlicht der Öffentlichkeit zu präsentieren. Will man dem Freund Übles, kann man ihn deshalb als geschickt eingefädeltes Musik-PR hinstellen. Das wäre allerdings doch sehr miesepeterig und auch ungerecht, schliesslich sorgen exzellente Darsteller und eine sensible Inszenierung dafür, dass der Film nicht einfach zu einem Abspielvehikel für Hungers zugegebenermassen wirklich zauberhaften Songs verkommt. Der Freund verdient deshalb das Prädikat 'empfehlenswert' nicht nur fürs Ohr, sondern auch fürs Auge und fürs Herz.
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4.0 Sterne (28 Bewertungen) | 2 Kommentare


