Free Rainer - Dein Fernseher lügt (2007)

Free Rainer - Dein Fernseher lügt (2007)

Oder: Befreit uns von Rainer

Free Rainer - Dein Fernseher lügt

"Das ist mein Cap!"

Der TV-Produzent Rainer (Moritz Bleibtreu) entwickelt Shows der stumpfesten Sorte, während er kokst und säuft. Dann wird er angefahren, frontal und mit voller Absicht: Eine junge Frau rammt mit Höchstgeschwindigkeit seinen Wagen. Beide werden schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Es stellt sich heraus, dass Pegah (Elsa Sophie Gambard) sich für ihren Grossvater rächen wollte. Dieser erhängte sich, weil er in einer von Rainers TV-Shows übel denunziert wurde in seiner Tätigkeit als Trainer. Was dem Grossvater den Job kostete und ihn zum Selbstmord trieb, war komplett erfunden, um damit höhere Quoten zu erzielen.

Rainer begreift, dass er für Einschaltquoten über Leichen gegangen ist. Ein paar Alpträume später beschliesst er, sein Leben zu ändern und macht sich auf einen Guerilla-Feldzug gegen die quotenbesessene Unterhaltungsindustrie.

Free Rainer - Dein Fernseher lügt

"Ich bin ein Star, macht mir ein Baby!"

In einem Casting, wo heftige Komik geübt wird, würfeln Rainer und Pegah die Gruppe aus Randständigen zusammen - schliesslich fängt die Revolution von unten an. Geleitet wird die Truppe von Rainer, Pegah und Philipp (Milan Peschel), der unter einer Sozialphobie leidet, technisch aber sehr begabt ist und von seiner Phobie ohnehin bald geheilt ist (dank dem tollen Teamgeist).

Bald schon laufen die kleinen Revolutionäre Gefahr, dass ihr illegales Tun und ihre improvisierte Firma aufgedeckt wird. Doch am Ende kommt es anders als man denkt...


Kinofilm-Rating

Nach seinem Erfolgsfilm Die fetten Jahre sind vorbei entwirft Regisseur Hans Weingartner die Utopie einer geistig befreiten Gesellschaft. Herausgekommen ist ein Weltverbesserungsfilm, der vor Klischees und Moral strotzt.

Schon der Anfang ist zu dick aufgetragen: Der TV-Produzent Rainer (Moritz Bleibtreu) hetzt durch die Büroräume und rast wenig später mit voll aufgedrehtem, aggressiven Techno durch die Strassen Berlins. Dabei überholt er spektakulär sämtliche Autos, säuft Whisky und schnupft Koks dazu. Man wähnt sich in einem Hollywood-Film. In einem schlechten allerdings. Erst hofft man, die Eingangsszene sei absichtlich dermassen überspitzt dargestellt, doch es stellt sich heraus, dass die Figur von Rainer als Kotzbrocken tatsächlich so übertrieben gezeichnet ist. Was allerdings treffend gezeigt wird, ist die TV-Show "Hol dir das Super-Baby", die Rainer gerade produziert und in der eine junge Frau ihren potentiellen Mann aussucht, der sie schwängern soll. Ausgewählt wird der Kandidat, der die fittesten Spermien hat.

Rainers Wandlung kommt abrupt und wirkt dramaturgisch nicht überzeugend. Plötzlich sieht er seine Fehler ein und stellt sich von nun an auf die andere Seite: Er will die Welt vor der Verblödung durch Fernsehsendungen retten. Zuerst schmeisst er aber seinen Fernseher aus dem Hochaus (dazu emotionale Musik). Rainers Theorie nach sind die Quoten der springende Punkt. In ganz Deutschland stehen lediglich 5.000 Kästen, die für die Quotenmessung verantwortlich sind. 5.000 Haushalte - Kinder und Eltern - bestimmen, was der ganze Rest guckt. Und weil diese Leute nur Müll schauen, schaut ganz Deutschland Müll. Rainer kann es nicht fassen und sucht eine Truppe von Leuten zusammen, mit denen er seine Utopie plant: eine Gesellschaft, befreit von üblen TV-Shows.

Die Weltverbesserer machen sich auf und nehmen sich die Quotengesellschaft vor. Sie geben sich als Techniker aus und manipulieren die Messdaten der Quotenkästchen. Es wird nicht mehr SuperRTL und Sat1 geschaut, sondern Arte. Denn wenn ganz Deutschland nur noch gute Sendungen schaut, steigen die Quoten dieser Sender und die Welt wird befreit von allem Blödsinn. Eine Welle von Kulturbegeisterung packt Deutschland. Junge Menschen lesen in Pärken und tauschen sich über Bücher aus, die Quoten von Big Brother und Co. sinken dramatisch. Die TV-Produzenten halten eine Krisensitzung ab (an der selbst Angela Merkel teilnimmt, was wiederum komisch sein will) und einer von ihnen hegt den Verdacht, dass Rainer dahinter stecken könnte.

Der Ablauf des Films ist absehbar. Dass Rainer und seine anfängliche Attentäterin sich verlieben, ist nach der ersten Einstellung klar. Die Handlung ist schwach und der Film strotzt vor Kitsch und Klischees. Das Ganze wird verstärkt durch eine aufdringliche musikalische Untermalung, die stark an schlechte Hollywood-Kitschfilme erinnert. Die massive Kritik am Medium Fernsehen, die durch Rainer und Co. transportiert wird, kann man nicht recht ernst nehmen. Sie wirkt aufgesetzt und übertrieben. Als sein ehemaliger Vorgesetzter Rainer auf die Schliche kommt und ihn der Manipulation bezichtigt, beschimpft ihn dieser als "Neofaschist". Oberflächlich wirkt aber auch die plötzliche Veränderung der Gesellschaft, die von einem Tag auf den andern liest statt glotzt. Schön wärs - aber die Vorstellung, dass durch Manipulation der Quoten plötzlich alle arte schauen und auf den Geschmack kommen, ist zu naiv und unrealistisch. Von Gesellschaftssatire kann keine Rede sein. Dafür hätte es mehr Schärfe und weniger utopisches Gerede gebraucht. Schade, wurde daraus kein bissiger Film - das Thema gäbe genug her! Auch schade ist, dass ein Schauspieler wie Moritz Bleibtreu in einem solch schwachen Film mitmacht.

3.9 Sterne
3.9 Sterne (34 Bewertungen) | 1 Kommentar

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25.01.2008 / sst