Ex Drummer (2007)

Ex Drummer (2007)

Oder: Trainspotting auf Belgisch

Ex Drummer

Villa Kunterbunt

Eines Tages bekommt der erfolgreiche Schriftsteller Koen unerwarteten Besuch: Drei mehr als seltsam wirkende Typen suchen einen Schlagzeuger für ihre Band "The Feminists". Das Angebot kommt Koen gerade Recht, denn er ist auf der Suche nach einer neuen Buchidee, und er ist überzeugt, dass sein Abtauchen in die unterste Sozialschicht Belgiens verwertbares Material hervorbringen wird.

Doch Schlagzeug spielen ist Koen nicht genug. Er erkennt schnell die geistige Minderwertigkeit seiner neuen Bandkollegen und fängt an, sie zu manipulieren. Den schwulen Gitarristen Jan etwa macht er wegen seiner sexuellen Ausrichtung zum Objekt von Diskriminierung. Bassist Ivan, ein geistesgestörter Junkie und Frauenmörder, wird von ihm zu neuen Taten getrieben.

Koens Kalkül zahlt sich aus: Nach einiger Zeit ist der unbestrittene Leitwolf der Truppe. Für ihn ist das ganze ein Spiel, aus dem er sich abends ausklinken kann. Dann kehrt er zurück in sein Designerappartement und vergnügt sich beim Gruppensex, während seine Mitmusiker in abgefuckten Behausungen das letzte Stück Menschlichkeit zu verlieren scheinen.


Kinofilm-Rating

Der Wahnsinn hat in der Filmgeschichte einen weiteren Namen bekommen: Ex Drummer. Radikal geht hier Regisseur Koen Mortier keineswegs an die Grenze, sondern konsequent darüber hinaus. Zuallerletzt hätte man ein solches Sammelsurium an Gewalt und Diskriminierung aus dem bescheidenen Filmland Belgien erwartet. Nun schickt sich dieser Streifen an, mit voller Wucht ein Exempel zu statuieren.

Die Romanvorlage des enfant terrible der belgische Literaturszene, Herman Brusselmans, galt als unverfilmbar, doch Mortier sah das nicht so und startete das Projekt. Als nach über acht Jahren (Mortier fand lange keine Geldgeber) der Streifen fertig war, wurde er von der einheimischen Filmkommission als "schlechtester flämischer Film aller Zeiten" kommentiert. Das verwundert nicht, denn als bebrillter Bergman-Anhänger dürfte dieses Stück rohes Fleisch garantiert nur übel aufstossen.

Dabei zeichnet Ex Drummer neben all der Provokation auch eine faszinierende visuelle Ästhetik aus. Ivans Appartement steht zum Beispiel immer auf dem Kopf - ein Einfall, der Ivan besser charakterisiert als irgendetwas sonst im Film. Richtig stark sind auch die Live-Aufnahmen gelungen. Wer schon mal bei einem Rockkonzert zu einem reinen Spielball der Menschenmenge wurde, wird verwundert sein, wie unheimlich real die Eindrücke rüberkommen.

Aber nochmals sei gesagt: Ex Drummer ist eine ziemlich kranke Angelegenheit geworden, eine Herausforderung. Bevor man dieses Machwerk sieht, sollte man zuerst seine persönliche Ethik für 90 Minuten ausschalten. Dieser Film mag anstössig, provokativ, eklig oder auch nur laut sein. Eins ist er indes nicht: Schlecht.

4.3 Sterne
4.3 Sterne (6 Bewertungen) | 3 Kommentare

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16.01.2008 / uas