Ben X (2007)

Ben X (2007)

Oder: Spiel, um zu gewinnen

Ben X

"Hände hoch, das ist ein Überfall!"

BenX ist ein Kämpfer: gross, mächtig, düster. Er hat eine Freundin, die stets mit ihm kämpft, ihn heilt, ihn unterstützt, wenn es nicht mehr geht. Scarlite ist immer an seiner Seite, wenn es gefährlich wird. Ohne sie hätte es BenX sicher nicht bis Level 80 im Spiel Archlord geschafft.

Ben (Greg Timmermans) ist Autist: intelligent, leicht verstört, düster. Seine Mitschüler peinigen und hänseln ihn. Die Welt, in der er sich bewegt, versteht er meist nicht. Der junge Mann versucht eigentlich nur, unbeschadet durch den Tag zu kommen, um sich zuhause wieder vor den PC zu flüchten und mit Scarlite (Laura Verlinden) in weitere Schlachten zu ziehen. Seine Mutter (Marijke Pinoy) ist immer ein bisschen überfordert, hat doch Bens Vater die Familie verlassen und sowohl ihn als auch den gesunden kleinen Bruder zurückgelassen.

Ben X

"You talkin' to me?!"

Eines Tages wird Ben in der Schule aufs Übelste gedemütigt und dabei gefilmt. Als die Bilder im Internet die Runde machen, wird ihm alles zu viel. Doch äussern kann er es nicht. Und so wächst in Ben die Anspannung, die reale Welt verschmilzt in seinem Kopf immer mehr mit der des Computerspieles. Als er merkt, dass auch der mächtige BenX es nicht vermag, ihm gegen seine Peiniger zu helfen, beschliesst Ben, dem Ganzen ein Ende zu machen. Doch Scarlite, Bens einzige Freundin, BenX's Heilerin, gibt es wirklich und sie hat ihn nicht aufgegeben.


Kinofilm-Rating

In der Regel sind die ersten zehn Minuten eines Filmes ausschlaggebend. Man weiss dann, wie der Film wird. In BenX reichen zehn Sekunden und es ist klar: ein Meisterwerk. Die Anfangstitel spielen in der Archlord-Welt, man folgt BenX auf einem wilden, fantastischen Ritt durch sein virtuelles Universum. Plötzlich bewegt man sich heraus, befindet sich in Bens Zimmer und er beginnt zu erzählen. Man taucht ein in Bens verwirrende Welt und kann sich nicht mehr von ihr trennen. Gamer werden sicher begeistert sein von den Sequenzen im Spiel, die eigens für den Film gedreht wurden. Es kann schwer sein, mehrere Weltansichten zu visualisieren, doch Regisseur Nic Balthazar hat diese Hürde mühelos gemeistert. Die Perspektivenwechsel zwischen der virtuellen Welt, Bens innerem Monolog und die Ansichten der Aussenwelt erfolgen subtil und eindrücklich.

Greg Timmermans, obwohl fast zu alt für die Rolle, ist ein herausragender Schauspieler. Die grundlegende Veränderung zwischen Ben, der als BenX zockt und sich wohlfühlt in seiner Haut, und Ben im echten Leben, dessen Sinne permanent attackiert werden, der vollkommen asynchron mit dem Rest der Welt ist, drückt Timmermans perfekt aus. Auch die restlichen Rollen sind goldrichtig besetzt. Laura Verlinden ist geradezu bezaubernd, Marijke Pinoy lässt einen mitleiden bis zu einem Punkt, an dem man sie in den Arm nehmen will. Ausserdem haben alle Charaktere definierte, abgeschlossene Geschichten, es gibt keine frustrierenden, losen Enden.

Dieser Film wird nie kitschig. Aufwühlend, mitreissend, erstaunend und intelligent stellt er Fragen und thematisiert einige Probleme heutiger Jugendlicher: Gewalt in Schulhöfen, die für youtube gefilmt wird, Cybermobbing, Entfremdung von der Realität durch das Internet und Rollenspiele. Ben sagt: "Im Leben kann ich nur einer sein, im Spiel kann ich sein, wer ich will". Über seinen Autismus äussert er sich so: "Alle sagten, ich hätte ein Problem. Aber niemand konnte mir sagen oder erklären, was für ein Problem sie eigentlich meinten" und "Ich hab Autismus, oder der Autismus hat mich". Und tatsächlich: wieso dürfen wir nicht sein, wer wir wollen, auch wenn es von der Norm abweicht? Wieso können wir die Welt nicht so wahrnehmen, wie sie sich speziell uns präsentiert und damit leben? Ist es überhaupt möglich, in unserer Gesellschaft anders zu sein? BenX gibt Antworten auf diese Fragen, ohne zu bevormunden, ohne zu behaupten, die ultimative Lösung gefunden zu haben. Ein absolutes must-see des Filmjahres, nicht nur für Gamer.

4.9 Sterne
4.9 Sterne (31 Bewertungen) | 17 Kommentare

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28.04.2008 / aru