Am Ende kommen Touristen (2007)

Am Ende kommen Touristen (2007)

Oder: Auschwitz statt Amsterdam

Am Ende kommen Touristen

"Ich spucke gleich!"

Oswiecim, eine polnische Stadt ca. 50 km von Krakau entfernt. Berühmt unter ihrem deutschen Namen "Auschwitz". Hierhin verschlägt es den deutschen Zivildienstleistenden Sven (Alexander Fehling). Eigentlich hatte er ja in einem Jugendzentrum in Amsterdam seine eineinhalb Jahre ableisten wollen, doch nach einer kurzfristigen Absage landete er im Jugendzentrum des ehemaligen Konzentrationslagers.

Die Eingewöhnung fällt ihm nicht gerade leicht. Zum einen spricht er die Sprache nicht. Zum anderen stellt sich seine ihm von seinem Chef Herrn Herold (Rainer Sellien) zugedachte Aufgabe als nicht gerade einfach heraus. Sven soll sich um den eigenwilligen KZ-Überlebenden Stanislaw Krzeminski (Ryszard Ronczewski) kümmern. Dieser lebt im Gästehaus neben der Gedenkstätte und ist meist damit beschäftigt, Koffer von Auschwitz-Opfern für die Ausstellung zu reparieren. Seit einiger Zeit gibt der alte Mann deutlich ab und wird langsam eine Belastung für die Einrichtung.

Am Ende kommen Touristen

Blindenschrift entziffern.

Privat findet er wegen des Sprachproblems erst wenig Anschluss, kommt aber bei der Polin Ania (Barbara Wysocka) unter, die in der Gedenkstätte als Fremdenführerin arbeitet. Durch sie lernt er das Leben der jungen Leute im heutigen Oswiecim kennen. DasThema "Konzentrationslager Auschwitz" ist zwar gegenwärtig, die Menschen leben jedoch normal wie anderswo auch.

Durch den neuen Blickwinkel auf seinen Aufenthaltsort beginnt Sven, eine bessere Beziehung zu Krzeminski aufzubauen. Als ihm das Museum keine Koffer mehr zur Reparatur geben will, lässt er sich sogar zu einer Dummheit hinreissen, um dem alten Mann zu helfen...


DVD-Rating

Das Wort "Auschwitz" ruft sicher bei Vielen die Erinnerung an Schwarz-Weiss-Bilder wach, Bilder von zu Skeletten abgemagerten Menschen und hohen Mauern mit Stacheldraht.

Der Regisseur Robert Thalheim hat zum Glück darauf verzichtet, das Publikum mit diesen vertrauten Bildern zu konfrontieren. Stattdessen konzentriert er sich auf das heutige Oswiecim, auf das Leben der Menschen dort. Ein Leben, dass angesichts der Geschichte des Ortes nicht normal sein kann, oder? Robert Thalheim hat in seinem Film persönliche Eindrücke aus seinem eigenen Zivildienst in Auschwitz verarbeitet. Die Einwohner von Oswiecim sind normale Leute, die arbeiten, Freunde besuchen, an Konzerte und in die Disco gehen, sich verlieben. So normal, dass es manchmal fast ein wenig langweilig wird.

Ryszard Ronczewski spielt den Auschwitz-Überlebenden Krzeminski mit einer geradezu beklemmenden Authentizität. Dennoch wirkt der Film ziemlich steril. Die Liebesgeschichte wirkt erzwungen und die Deutschen kommen alle sehr pseudo-betroffen rüber. Die Geschichte ist solide erzählt, die distanzierte Art zu den Personen erschwert es jedoch, den Sinn hinter dem Film zu sehen. Einziger wirklicher Minuspunkt ist aber das abrupte Ende.

Die Extras sind grosszügig ausgefallen. Entfernte Szenen, der Trailer, Interviews mit Robert Thalheim und Alexander Fehling. Dazu eine Fotogalerie mit einigen ausgewählten Bildern zur Recherche in Oswiecim von 2004-2006 und ein Audiokommentar von Robert Thalheim. Am besten gefallen hat mir der Kurzfilm "Dachau bei München", ein achtminütiger Comicfilm, der aus der Sicht eines 13-jährigen sein normales Leben erzählt. Im Hintergrund sind immer wieder die stacheldrahtbesetzten Mauern zu sehen, doch der Junge macht sich mehr Sorgen um seine neuen Schuhe mit Schnürsenkel, das Monster Truck-Rennen am Wochenende, oder ob er seinem Austauschkollegen aus der Bretagne wirklich eine Ansichtskarte von Dachau schicken soll.

Fazit: Ein solider Film mit einem grossartigen Ryszard Ronczewski und einem sehr abrupten Ende. Wer sich dafür interessiert, wie die Menschen heute bei Auschwitz leben, sollte mal reingucken.

3.8 Sterne 4.8 Sterne
3.8 Sterne (3 Bewertungen) | 0 Kommentare

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29.05.2008 / nwe


DVD-Infos

DVD erschienen am 22.02.2008

  • Bildformat: 1.85:1
  • Sprachen: Deutsch (DD 5.1)
  • Untertitel: Deutsch (für Hörgeschädigte)
  • Extras: Entfernte Szenen, Interview mit Regisseur, Interview mit Hauptdarsteller, Fotogalerie, Kurzfilm DACHAU BEI MÜNCHEN, Audiokommentar vom Regisseur, Trailer