12 (2007)

12 (2007)

Oder: Beyond any reasonable doubt

12

Schuldig oder nicht?

In Moskau steht das Urteil an im Mordfall, der einem kaukasischen Jungen zur Last gelegt wird. Er soll seinen Stiefvater, einen russischen Kommandanten, mit einem Messer erstochen haben. Die zwölf Geschworenen ziehen sich zur Verhandlung in eine Turnhalle zurück. Die Handys werden ihnen abgenommen, und die meisten sind sich einig, dass man schnell zu einem Entscheid kommen wird - schliesslich hat man für den Rest des Tages noch andere Pläne und während des dreitägigen Prozesses kamen genügend Indizien auf den Tisch, welche die Schuld des Täters belegen sollten. Es muss ein einstimmiges Resultat werden. Eine erste Abstimmung ergibt aber 11:1. Einer der Geschworenen möchte sich mehr Zeit lassen und nochmals über den Jungen und seine Geschichte reden...


Film-Rating

Sidney Lumets Die Zwölf Geschworenen ist ein unverwüstlicher Klassiker, dem auch ein farbiges Update von William Friedkin mit Jack Lemmon nichts von seinem Glanze nehmen konnten. Doch was soll nun dieses russische Remake, das fast doppelt so lange braucht, um die im wesentlichen identische Geschichte zu erzählen?

Der Zweieinhalbstünder von Nikita Michalkov (Oscar für den besten fremdsprachigen Film 1995 für Die Sonne, die uns täuscht) verpflanzt die Geschichte ins Moskau von heute. Aus dem verdächtigen Latino wird ein Kaukasier. Die Geschworenen sind käsig wirkende Männer über Fünfzig, die dem durch Grisham-Verfilmungen geschulten Auge in Sachen Juryauswahl seltsam undurchmischt vorkommen. Ihnen gehört zwar weder eine Frau noch jemand unter vierzig an, aber ansonsten ist es ein Querschnitt durchs die russischen Gesellschaft. Ein rassistischer Taxifahrer, ein in Harvard geschulter TV-Produzent, ein Friedhofswächter, ein einfacher Arbeiter, ein Entertainer, ein Chirurg, ein alter Jude etc. Es sind auch alle überraschenden Wendungen aus dem Original da. (Das zweite Messer, die Denunziation der Zeugenaussagen, das reihenweise Überwandern der Geschworenen).

Länger wird der Film vor allem durch teilweise unnütze Erweiterungen. Es wird immer wieder zur Vorgeschichte in Tschetschenien oder zum Jungen in der Zelle gesprungen. Als eine Art 13. Geschworener fungiert ein kleines Vögelchen, das sich in der Turnhalle verirrt. Unterschiedlich interpretierbar bis komplett unverständlich sind hinzugefügte Elemente, wie ein Marienbildchen als christliche Symbolik, ein Epilog, welcher uns über das weitere Schicksal des Jungen informieren und das mysteriöse Bild eines Hundes, der mit einer abgehackten Hand im Mund über Kriegsgebiet huscht. So wird aus dem eleganten Court Room Drama eine Parabel über den Zustand der russischen Gesellschaft aus der Sicht des selbstverliebten Regisseurs inklusive bedeutungsschwangerer Monologe, die von säuselnden Klarinetten unterlegt werden. Die russische Presse meint, es sei ein zutiefst russischer Film, den man nur als Russe voll und ganz verstehen kann. Sie mag recht haben.


OutNow.CH:

Bewertung: 4.04

 

08.09.2007 / rm

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Bewertung: 4.0 (3 Bewertungen)

 

 

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