Zeit des Abschieds (2006)
Zeit des Abschieds (2006)
Oder: Das Resultat ist der Tod
Wenn der Film beginnt, ist sein Hauptdarsteller schon tot. Giuseppe Tommasi, den alle nur Giusi nennen, wird mit Blumen und einer Tafel Schokolade eingesargt und ins Krematorium gebracht. Die Todesursache ist Krebs. Er verstarb im Hospiz Zürcher Lighthouse.
Neun Monate früher, als es Giusi noch besser ging, unterzeichnete er seinen letzten Willen. Von der Grösse des Sarges bis zum Ort des Grabes ist alles korrekt geregelt. Guisi weiss, was er will - und auch was er nicht will: Künstlich am Leben erhalten werden. Der Tod naht, und Giusi hat sich damit abgefunden. Nur zwei Wünsche möchte er sich noch erfüllen. Nicht als Junkie sterben und mit seiner Familie und den Kindern ins Reine kommen. Mehdi Sahebi begleitet ihn mit der Kamera auf dem letzten Abschnitt seines Lebenswegs.
Kinofilm-Rating
Einem Menschen beim Sterben zuzusehen, ist in zweierlei Hinsicht heikel. Mitleid kann als Trauer falsch verstanden werden, und Voyeurismusvorwürfe sind schnell zur Hand. Mehdi Sahebi umschifft mit seinem einfühlsamen Portrait eines Todkranken diese Klippen gekonnt - vor allem dank seines Protagonisten und der angewandten Methode.
Giusi mag die klassische Drögelerkarriere hinter sich haben - verschupftes Pflegekind, Absturz am Letten, HI-Virusinfektion, Lighthouse. Aber der Mann ist eloquent, hat Schalk, weiss über seine Krankheiten genau Bescheid und verliert trotz allem nie den Witz. Bewundernswert wir er sich seines nahenden Endes bewusst ist, und immer noch mit der Kamera schäkert und zum Beispiel Antiwerbung für Zigaretten betreibt. Doch seine körperlichen Schmerzen sind "satanisch". Als "Stück Scheisse" bezeichnet er seinen geschundenen Organismus. Der höckerige Tumor unter dem Schlüsselbein ist gut sichtbar. Die Stimmungsschwankungen sind bestens eingefangen, als ihn Sahebi gleich zweimal zu einer Strahlenbehandlung begleitet. Einmal zeigt Giusi danach der Kamera die Nase, das andere Mal weint er bitterlich.
Möglich macht dies die Methode. Alleine, ohne Team, intim. Sahebi kommt Giusi auch deshalb ganz nah, weil neben der Bereitschaft seines Gegenübers auch auf vollste Flexibilität setzen kann. Mit der Handkamera wird mitternächtliches Philosophieren wie auch das Filmen der Aussprache mit der Tochter möglich. Dass man sich dabei beim Zuschauen nie als Störfaktor vorkommt, ist das Herausragende an diesem dokumentarischen Meisterstück. Das gesehene ist so real wie die Traurigkeit, die der Film auslöst. Surreal ist dabei nur die Ähnlichkeit von Giusis Leichnam mit Bildnissen Jesu Christi.
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