United 93 (2006)
Flug 93
United 93 (2006) Flug 93
Nach Ice Age: The Meltdown und X-Men: The Last Stand wurde John Powell mit der Vertonung von Paul Greengrass' 9/11-Film United 93 beauftragt. Somit arbeitete Powell zum zweiten Mal mit Regisseur Greengrass zusammen. United 93 stellte jedoch ganz andere Ansprüche an die Musik, als dies The Bourne Supremacy tat: Wie der Film sollte auch die Musik rein "dokumentarischen" Stil haben und nicht mit melodramatischen Streichern allzu sehr manipulieren. Und genau dies tut der Score von John Powell: Er solidarisiert stark mit dem Film und hinterlässt dabei als reines Hörerlebnis, bis auf zwei, drei Einzelpassagen, keinen wirklich bleibenden Höreindruck.
Was einem sofort ins Auge sticht, ist der Hinweis "Solo Vocals by Oliver Powell". Ganz recht! John Powell hat seinen - noch sehr jungen - Sprössling beauftragt, die Solopassagen zu singen. Damit macht Powell definitiv keinen Fehler, aber er erfindet das Rad auch nicht neu: Die Gesangseinlagen seines Sohnes fügen sich sehr stimmig in das Klangbild ein und verleihen dem Score eine sehr dramatische, persönliche und unschuldige Seite. Andererseits, wenn auch natürlich weniger überraschend, hört man dem Gesang gut an, dass er von einem noch relativ unerfahrenen und sehr jungen Artisten gesungen wurde. Der Gesang baut auf Laute, nicht Worte, und hält sich nie über längere Zeit. Er dient eindeutig nur als Stilmittel und erhält keine tragendere Rolle, wie dies z.B. beim Gesang von Elisabeth Scott in John Williams' Film Munich oder den etlichen Soloauftritten von Lisa Gerrard in zahlreichen Scores aus dem Hause Media Ventures der Fall war. Die gesangliche Qualität von Oliver Powell mit der von Gerrard und Scott zu vergleichen, wäre jedoch sehr unpassend und unfair, da letztere natürlich mehr Erfahrungen haben. Oliver Powells erste Versuche sind ganz nett und wer ist schon mit sechs Jahren an einer Recording Session beteiligt?! Chapeau, also!
Neben dem Gesang baut der Score vor allem auf Synthesizer und viel Bass und Perkussion. Dazwischen schieben sich immer wieder Brass-Einsätze - mal mehr, mal weniger beeindruckend. Eindrücklichere Passagen ertönen erst gegen den Schluss des Albums. Im sehr langen "Phone Calls" (ab 6:00) ertönt immer wieder ein subtiler und Kraft aufbauender Brass.
Wirklich eindrücklich wird es jedoch erst in der sehr kraftvollen und vor Verzweiflung und Aufopferung vorangetriebenen Komposition "The End". Die sich stetig verdichtende und aggressiver werdende Perkussion beschreibt musikalisch sehr schön, wie sich die Opfer immer zahlreicher gegen die Terroristen aufbäumen, diese letztendlich attackieren und dem Tod entgegen stürzen. Dabei nehmen auch die Streicher eine Melodie auf, welche sich dramatisch immer mehr verdichtet und dissonanter wird, bis sich diese Spannung schliesslich in einem überraschenden Dur-Klang löst. Dieser Dur-Klang setzt mit dem Aufprall der Maschine ein und wirkt damit anfangs etwas verstörend, gibt dann aber einer gewissen mitgenommenen Erleichterung Raum. Der letzte Titel "Dedication" spielt über Texttafeln hinweg und trifft die Stimmung, welche sich nach dem Film breit macht, sehr gut.
Fazit: John Powells United 93 hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Es war zweifelsohne eine der schwierigsten Vertonungsarbeiten im 2006 und in der noch jungen Karriere des Komponisten. Powell schafft es, den emotional schon stark beanspruchten Zuschauer musikalisch zu rühren, ohne ihn dabei mit heldenhaften Fanfaren oder himmeltraurigen Requien völlig zu überfordern. In dieser Hinsicht hat Powell mit United 93 absolut überzeugende Arbeit geleistet. Ohne die Bilder jedoch, wirken lediglich ca. fünfzehn Minuten des Scores wirklich. Der Rest ist einfach zu langatmig, monoton und still, um die Aufmerksamkeit des Hörers zu behalten. Es bleibt also die Frage, ob es notwendig war, diese atmosphärische Komposition auf CD zu veröffentlichen, oder ob es nicht besser gewesen wäre, sie als die beeindruckende Arbeit in Erinnerung zu behalten, welche sie im Film war und ist.
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