United 93 (2006)
Flug 93
United 93 (2006) Flug 93
Oder: Der vierte Flieger
Frühmorgens, Flughafen Newark. Alles scheint wie immer. Der Flugverkehr ist jetzt schon am Limit. Die Passagiere von Flug 93 der United Airlines warten auf den Aufruf zum Boarding. Unter Ihnen vier Männer, die ein Ziel vor Augen haben: Flug 93 entführen. Es ist der 11. September 2001. An den Bildschirmen der Flugkontrollzentren geben derweil erste Merkwürdigkeiten einen Hinweis auf die furchtbaren Geschehnisse der nächsten Stunden.
Als United 93 startet, ist das erste Flugzeug bereits gekappert worden und steuert New York an. Über 4'000 Flugzeuge halten sich zu diesem Zeitpunkt im US-Luftraum auf. Die Anzeichen verdichten sich, dass bereits ein weiteres Flugzeug entführt wurde. Auch United 93 erhält eine Warnung ins Cockpit. Es ist schon zu spät. Die mit Messern bewaffneten Terroristen übernehmen die Kontrolle über das Flugzeug und steuern Richtung Washington. Doch die Passagier von Flug 93, per onboard-Telefone aufgeklärt über den Anschlag auf das World Trade Center, wollen sich zur Wehr setzen und planen die Entführer zu überwältigen.
Kinofilm-Rating
Mit United 93 liefert Regisseur Paul Greengrass seinen Beitrag zum Historie- und Politkino dieses Sommers, welches mit Titeln wie Munich von Stevens Spielberg, Syriana von Steven Gaghan aber auch der Satire Lord of War von Andres Niccol viel versprechend angefangen hat. United 93 ist die erste Hollywood-Produktion, welche sich den dramatischen Ereignissen des 11. Septembers annimmt. Dementsprechend kontrovers fielen auch die Reaktionen in Amerika aus: für die einen ist United 93 "The best Movie so Far This Year", Richard Roeper, für die anderen waren die 111 Minuten definitiv noch viel zu früh! Zu Beginn stand es um die Filmveröffentlichung in Amerika doch eher schlecht. So bekam das Marketing einen herben Rückschlag, als viele amerikanische Kinobetreiber den Trailer aus ihrem Vorprogramm gestrichen haben, weil unzählige Besucher den Saal frühzeitig verlassen haben sollen. Einen Einbruch im Kartenverkauf für andere Filme wurde für diesen Trailer logischerweise nicht in Kauf genommen. Trotz diesem etwas holprigen Start, wurde der Film in Amerika ein Erfolg nach seiner Lancierung am Tribeca Film Festival. United 93 wird nicht der letzte Film sein, der sich mit dem 11. September beschäftigt. So wird Ende September auch Oliver Stones' World Trade Center, welcher die Ereignisse aus der Sicht eines Feuerwehrmannes (gespielt von Nicolas Cage) erzählt, wahrscheinlich für viel Wirbel sorgen. Dass United 93 seinen Erfolgskurs auch hierzulande fortsetzen kann ist jedoch eher unwahrscheinlich.
Regisseur Greengrass hat sich schon oft politischen Themen und Tabus filmisch angenommen. So widmete er sich dem Nordirland-Konflikt gleich mit zwei Filmen, Omagh und Bloody Sunday, für welche er auch Preise erhielt. Auch nahm er sich in einem Film der rassistischen Gewalt (The Murder of Stephen Lawrence) an. Dem breiteren Publikum jedoch fiel er auf mit seiner rasanten und stimmigen Fortsetzung des Überraschungshits The Bourne Identity, The Bourne Supremacy. Mit diesem Hintergrund ist er eine durchaus gute Wahl als Regisseur für dieses filmische Werk. Was er jedoch abliefert überrascht und "enttäuscht" zugleich.
Der Film kommt überraschend unverschönt daher und erzählt die Ereignisse in einem dokumentarischen Stil. Es wurde viel mit Handkamera gearbeitet und das Bild weisst teilweise ein Art Homemade-Qualität auf. Ein auf Hochglanz poliertes Bild à la King Kong sucht man hier vergebens, stattdessen ist einzelnes Rieseln beobachtbar und Mattstich. Dies kommt dem Film durchaus zugute, da es seinen dokumentarischen Stil unterstreicht. Ebenfalls, wenn auch marketingtechnisch erschwerend, ist die Entscheidung, keine bekannte Schauspieler zu engagieren, durchaus nachvollziehbar. Auch wenn dabei die schauspielerische Qualität teilweise etwas fehlt, ist es stimmiger und ralistischer "ganz normale" Jedermanns an Bord zu sehen, als wenn eine Julia Roberts kreischend durch die Gänge rennen und ein John Travolta die Kiste fliegen würde (so hat man teilweise sogar Hinterbliebene der Opfer für gewisse Rollen der Passagiere gewinnen können; Piloten wurden von echten Piloten gespielt, welche die nötige Routine vorweisen konnten; in den Flughafen-Towers spielten sogar Personen mit, welche am besagten Tag das Ereignis (schon einmal) miterlebten).
Ebenfalls wird einem der Juhee-Heros-and-Honor-Patriotismus erspart. So wir der Aufstand der Passagiere als sehr gewalttätiges, raues, letztes Aufbäumen von Angst und Verzweiflung vor dem sicheren Tod dargestellt, ohne das Ereignis durch einzelne spezifische Heldencharakteren oder fanfarisch, gloriose Musik zu verkitschen. Der Film endet mit dem Aufprall des Flugzeuges und auch dieser kommt nicht in einem spektakulären Feuerwerk daher, sondern man folgt der rüttelnden Handkamera, welche den Boden immer näher bringt. Demnach bleiben einem auch emotional aufgeladene The Perfect Storm-like Abschlussreden erspart, welche bei "Katastrophen"-Filmen unumgänglich zu sein scheinen. Nach dem Aufprall bleibt der Zuschauer seiner eigenen Verarbeitung überlassen...
Der Film hat zwei negative Aspekte: zum einen sind die Ereignisse vom 11. September für unzählige Paradigmen in der Gesellschaft verantwortlich. Da der Film versucht die Ereignisse zu rekonstruieren untermauert er diese Paradigmen natürlich einmal mehr (z.B. die Terroristen aus dem Nahen Osten, jedoch ohne Bärte und Turban). Um den Ereignissen aufmerksam und mit ungebrochenem Interesse folgen zu können/wollen, setzt der Film, besonders am Anfang, eine doch recht starke emotionale und direkte Betroffenheit voraus, welche ausserhalb von Amerika wahrscheinlich einigen fehlen wird. Durch Verzicht auf allzu viel emotionale Nebenhandlungen wie eine Liebesgeschichte oder einen Familienkonflikt, der den dramatischen Knoten schnürt, fehlen am Anfang "unterhaltsame" und ansprechende Handlungen. Wer also den Film nur wegen des Absturzes sehen will, der braucht am Anfang sehr viel Sitzleder und wird wahrscheinlich enttäuscht sein, wer jedoch eine detaillierte und weitgehend als korrekt beurteilbare Nacherzählung der Ereignisse sehen will, ist hier richtiger.
Fazit: Diesen Film mit Sternen zu bewerten ist schwierig und daher sei meine Wertung auch mit Vorsicht "zu geniessen". Durch den normalwirkenden alltäglichen Anfang am Flughafen und der sich ankündenden Katastrophe schafft der Film viel Atmosphäre, aber der Zuschauer sollte eindeutig etwas mehr an Interesse mitbringen um dem Film folgen zu könne/wollen, als blosse Neugierde auf opulent dargestellte Katastrophenszenen à la Titanic.
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4.3 Sterne (45 Bewertungen) | 27 Kommentare


