La Traductrice (2006)
La Traductrice (2006)
Oder: Ein Blatt im Wind der Mafia
Die junge Russin Ira (Julia Batinova) lebt in Genf mit ihrer Mutter. Der Vater ist verstorben, die Mutter zog in die Schweiz, um ihrer Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen. Jetzt ist Ira Mitte Zwanzig, studiert ein bisschen vor sich hin, streitet viel mit der Mutter und fährt stundenlang ziellos mit dem Schiff umher.
Bei einer Geburtstagsfeier taucht plötzlich ein geheimnisvoller Familienfreund auf. Der grosse, schwarzgekleidete Oleg (Sergei Garmash) hat ein breites Lächeln, weise Augen und er kennt Russland gut. Ira zieht er damit schnell in seinen Bann, denn sie ist hungrig auf Wissen über ihr Herkunftsland. Die Mutter hat ihr immer jeglichen Kontakt verweigert, ihr nie erlaubt nach Moskau zu reisen, um ihren Wurzeln nachzugehen.
Dann bietet Oleg Ira einen Job an. Es stellt sich heraus, dass er der russische Anwalt des Mafiapaten Taschkow ist, der in Genf auf seinen Prozess wartet. Oleg bringt Ira zu Maître Mayard, Taschkows Schweizer Anwalt, und sorgt dafür, dass sie die offizielle Übersetzerin wird. Zum ersten Mal in ihrem Leben verdient Ira viel Geld und lernt echte Russen kennen. Doch sie kann sich der Macht und dem Einfluss Taschkows nicht entziehen. Der Pate manipuliert sie, macht ihr Hoffnungen. Schon bald schmuggelt und lügt sie für ihn. Als sie in Moskau ein Beweisstück für ihn besorgen soll, wird es für die naive Ira gefährlich.
Kinofilm-Rating
La Traductrice ist ein zwiespältiger Film. Einerseits ist er ein kleines Meisterwerk. Die Rollen sind hervorragend besetzt, alle Schauspieler ausnahmslos exzellent. Ihr Spiel ist vielschichtig: subtil und doch kraftvoll. Die Dynamik zwischen den Schauspielern ist bemerkenswert. Sie geben einander Energie, man spürt die Spannungen und Sehnsüchte, als ob sie die eigenen wären. Die Kameraführung, kombiniert mit der sehr gut ausgewählten Musik, ist atemberaubend. Ebenso das Spiel mit Licht und Schatten, Farben und Grautönen. Am Anfang gibt es eine Szene, in der Ira in einem Boot sitzt, das unter einer Brücke durchfährt, auf der Oleg steht und ihr nachsieht. Der Lichteinfall und die Bewegung der Kamera erinnern an Hitchcock: präzise, wirkungsvoll, überraschend. Andererseits ist die Geschichte selbst nicht so meisterhaft ausgeführt. Iras Einsatz als Simultanübersetzerin ist unglaubwürdig. Um simultan übersetzen zu können, braucht es jahrelanges Training. Hier schüttelt Ira sogar juristische Fachbegriffe einfach aus dem Ärmel. Man weiss nicht, woher sie das kann, wird doch im Film einige Male betont, dass ihr Russisch nicht perfekt ist.
Es gibt auch Unstimmigkeiten in der Charakterentwicklung. In der ersten Szene sieht man Ira noch mit einem Freund. Etwas später betont sie Mayard gegenüber, sie habe keinen und der Mann von der Geburtstagsfeier bleibt auch verschwunden. Dafür entwickelt sich wie aus dem Nichts eine Liebesgeschichte zwischen Mayard und Ira. In einer Szene hassen sie sich noch, sprechen kaum miteinander, in der nächsten kuscheln und küssen sie sich plötzlich, ohne dass nachvollziehbar erklärt worden wäre, wieso.
Doch auch über all dies könnte man hinwegsehen, gäbe es da nicht einen fatalen Mangel im Drehbuch: keine der Figuren, und insbesondere nicht Ira, werden dem Zuschauer wirklich zugänglich. Man kann sich weder mit ihnen identifizieren noch Empathie für sie empfinden. Ira wird einem nie sympathisch. Schlimmer noch: sie ist nervtötend mit ihrer Naivität, ihrer Dummheit, ihrem pubertären Aufbegehren gegen die Mutter und ihrer Planlosigkeit. Man weiss nicht, was sie überhaupt studiert, wonach sie auf der Suche zu sein scheint, weshalb sie überhaupt stundenlang Boot fährt. Ist sie depressiv? Ist sie einsam? Es wird nicht gezeigt. Das nimmt der Figur die Textur, die Grundlage, die Sympathie. Alles in allem scheitert La Traductrice an diesen Mängeln. Denn wenn trotz formaler Perfektion und gutem Spiel die Geschichte derart aus dem Ruder läuft, bleibt ein schaler Nachgeschmack.
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3.2 Sterne (4 Bewertungen) | 2 Kommentare



