Schwarze Schafe (2006)

Schwarze Schafe (2006)

Oder: Berlin Bizarr

Schwarze Schafe

Venus und Mephisto

Eine Handvoll Menschen erlebt in Berlin Geschichten, die sie sich alle durch einen relativ hohen Grad an Geschmacklosigkeit auszeichenen. Blut, Sperma und diverse Körperausscheidungen fliegen hoch und landen tief.

Rund einen Tag später sind all die unsympathischen Figuren nicht viel klüger geworden, aber im Einzelfall um Körperteile kürzer oder - im Falle von drei Türken - um wuchtige Morgenlatten reicher. Ab der Sprung ins kühle Nass und aus die Maus.


Kinofilm-Rating

Vielleicht tut man den Machern von Schwarze Schafe richtiggehend einen Gefallen, wenn man ihren Film als einen totalen Scheissdreck bezeichnet, denn ihr zusammengestiefeltes Werklein will um jeden Preis dreckig sein. Schwarze Schafe ist die Sorte von Film, in der sich Frau Gunhilde Schöngeist entgeistert an ihre Perlenkette klammert und Igittigitt-Geräusche macht, während sich Herr Sigismund Schöngeist mit wehendem Mantel und flatterndem Wollschal vor der Kinokasse aufbaut und sein Geld zurückfordert, nachdem er bereits die Garderobiere ausführlich darüber in Kenntnis gesetzt hat, weshalb sich seine Familie diese Sorte von Kultur nicht bieten lassen muss. Kevin Schöngeist hingegen sitzt derweil in der drittvordersten Reihe und bepisst sich und seinen ebenfalls pubertären Nebenmann vor lauter unflätigem Gelächter.

So oder ähnlich mögen sich das die Filmemacher - viele Beteiligte sind Schweizer - ausgemalt haben (das ist eine üble Unterstellung. Das mit dem Ausmalen, nicht das mit dem Schweizer sein. Aber nach dem Durchsitzen dieses Machwerks ist mir das eh Wurst). Am Industry Screening in Edinburgh war Familie Schöngeist jedenfalls abwesend. Es regte sich niemand auf, es verliess niemand unter Protest den Saal, es lachte allerdings auch kaum jemand, und Uringestank war nach der Vorstellung erst recht keiner auszumachen. "Oh well" und "What the fuck" waren die gängigen Kommentare, ein "Now I could use a beer" nach der Vorstellung die griffigste Zusammenfassung dessen, was Schwarze Schafe seinem Publikum an Vergnügen oder Ärger gebracht hat, nämlich wenig.

Das sei halt Punk, sagt uns der Festivalkatalog, dieser Film sei bewusst unter der Gürtellinie angelegt und deshalb enorm spassig, weil aus Landen kommend, die bis jetzt nicht zwingend durch die Derbheit ihres Humors aufgefallen wären. Mag sein, aber das legitimiert nicht den Umstand, dass sich hier teilweise talentierte Leute auf Filmlänge wie Kindsköpfe aufführen und sich keinen Deut um jegliche Treffsicherheit ihres Materials scheren. Vielleicht war der Dreh ja lustig, vielleicht hat es ja Spass gemacht, zum Beispiel Robert Stadlober als penetranten, vulgärpolitisierenden Dödel hinzustellen. Ich aber meine, ein fehlbesetzter Schauspieler, der mit seiner Rolle nicht klarkommt, ist nicht lustig.

Vielleicht müsste man es als mutig (oder lustig?) bezeichnen, wenn eine Grösse wie Michael Sauter ihren Status als Hofdrehbuchschreiber der Eidgenossenschaft gefährdet, indem sie eine besonders krude Episode abgibt (wohl auf Klopapier gekritzelt), in der ein verweichlichter Satanist seine komatöse Grosmutter anal, also von hinten, na, Sie wissen schon, Frau Schöngeist. Aber zu diesem Mut hätte auch die Vernunft gehört, mit diesen ach so schockierenden Einfällen irgendwohin zu zielen, statt einfach unerträglich lang in der Gegend rumzuschweindeln.

Auch einem "Pönk" darf man bei aller Nostalgie an die anarchische Bewegung eine Feige an die Nuss geben und ihn ohne Abendbrot zu Bett schicken, wenn er sich dümmer anstellt, als er in Wirklichkeit ist. Mit Verlaub, aber in die Windeln scheissen kann jedes Kleinkind. Und das stinkt dann wenigstens richtig, und tut nicht nur so.

Tja, und dann gibt es da ja noch den visuellen Aspekt, den man erwähnen könnte. Da hätten wir also grobkörniges Schwarzweiss, so richtig Punk halt, echt Berlin. Das sieht eigentlich auch ganz gut aus, wenn nicht gerade Bruno Cathomas im Bild steht und mit einer Axt herumwedelt.

Und weil zum Schluss dann doch noch ein Mindestmass an Versöhnung angebracht ist: Thomas Hess hat eine originelle Episode beigesteuert, die sich wohltuend vom Rest abhebt, weil da echte Menschen drin vorkommen. Aber da geht es dann eigentlich auch mehr um München als um Berlin.

3.2 Sterne
3.2 Sterne (17 Bewertungen) | 5 Kommentare

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11.09.2006 / juz