Syndromes and a Century - Sang Sattawat (2006)

Syndromes and a Century - Sang Sattawat (2006)

Oder: Spitalreife im Doppelpack

Syndromes and a Century - Sang Sattawat

Sprechzimmergroove

Zwei Krankenhäuser, das eine, das verloren in der Landschaft steht, in flirrend heisses Sonnenlicht, das andere in Neonlicht getaucht. Personen und Szenen, die sich entsprechen: eine hübsche Ärztin, ein abgewiesener Liebhaber, ein Orchideenexperte, ein Mönch, der gerne DJ wäre, ein singender Zahnarzt, ein Zimmer voller Prothesen... Und mehr noch: eine Reflektion über die Erinnerung, die Zeit und die Reinkarnation.


Kinofilm-Rating

Dass zwischen dem Phänomen der menschlichen Gedächtnisses und den Aktivitäten von Filmschaffenden sehr enge Zusammenhänge bestehen, das ist nicht neu - viele Filme entstehen aus dem Bedürfnis heraus, bestimmte Bilder oder Situationen für ein grösseres Publikum - wenn nicht gar für die Ewigkeit - festzuhalten, und jedes einzelne Filmprodukt ist schlussendlich nebst hundert anderen Sachen auch ein Zeugnis seiner Zeit.

Ein solcher Zugang zum Akt des Filmemachens mag auf den ersten Blick als selbstverständlich erscheinen, aber er tritt oft in den Hintergrund, wenn das schlichte Erzählen und Bebildern einer Geschichte einen höheren Stellenwert einnimmt als das offen angelegte Einfangen und Neugestalten von gemachten Erfahrungen per se.

Der Thailänder Apichatpong Weerasethakul macht nun aber in seinem neuen Film Sang Sattawat nichts anderes - er schafft sich eine Klaviatur aus persönlichen Erinnerungen und komponiert darauf eine Sonate der Glücksfindung. Denn das Glück - sofern man es erfährt - wird halt meist nicht in der Gegenwart, sondern erst im Nachhinein als solches empfunden.

Konkret gibt Weerasethakul Einblick in zwei Spitäler - während der ersten Filmhälfte in ein rural anmutendes Krankenhaus, in der zweiten Hälfte in ein hochmodernes Grossstadtspital. Dabei geht es ihm nie um einen bewusst angelegten Kontrast zwischen diesen Welten, sondern um alles, was diese Orte an Gemeinsamkeiten aufweisen können. Was sich an den beiden Schauplätzen ereignet, gleicht sich oft - manchmal bis zur Austauschbarkeit.

Zwei Konstanten ziehen sich durch diese zwei Welten - Licht und menschliche Wärme. Ärzteschaft, Pflegepersonal und Patienten stehen hier nicht in einem einfachen Abhängigkeitsverhältnis, sondern sie bereichern sich alle gegenseitig - mit Freundschaftsdiensten, Weisheiten, Gefühlsoffenbahrungen und immer wieder mit der einfachen Fähigkeit des Zuhörens.

Schlussendlich vermittelt Sang Sattawat nicht narrativ geordnete Einsichten, sondern eine facettenreiche Grundstimmung als Vermittlerin eines Lebensgefühls, das von einem grenzenlosen Optimismus geprägt ist - solange sich unterschiedliche Menschen akzeptieren und sich aufeinander einlassen.

Den Anspruch auf westlich formatierte Filmkonventionen muss man freilich beiseite stecken, um sich von den hier suggerierten Glücksgefühlen anstecken zu lassen - denn nichts findet hier zu einem Anfang oder zu einem Ende; zumindest nicht auf der Leinwand. Es bietet sich fast an, von Impressionismus zu sprechen - aber überall, wo Weerasthakul Inhaltliches vermischt, bleibt er auf der visuellen Ebene äusserst klar und braucht das Licht nie, um Dinge zu verwischen, sondern ausnahmslos, um sie hervorzuheben.

Ein Schlüssel zu diesem ganzen Panoptikum ist für westliche Augen schlussendlich die Situationskomik - etwa, wenn ein buddhistischer Mönch die klinische Einschätzung seines Gesundheitszustandes durch eine Ärztin prompt mit einem selbstgebrauten Heilverfahren kontert, um die Ärztin als Gegenleistung von ihrem Berufsstress zu befreien. Mit solchen Szenen erreicht dieser Film auch Menschen, die sich sonst ihre Geschichten lieber von A bis Z erzählen lassen.

5.0 Sterne
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09.04.2007 / FIFF (Inhalt), juz (Rating)