Der Rote Kakadu (2006)
Der Rote Kakadu (2006)
Oder: Rock'n'Roll im Überwachungsstaat
Dresden 1961. Vier Monate vor dem Mauerbau. Auch im Osten des geteilten Deutschlands tanzt man Rock'n'Roll. Open-Air im Park. Manchmal mit Plattenspieler, oder wenn der DJ Verspätung hat, auch mal ohne. Bis die Volkspolizei aufkreuzt und die Jugend mit Schlagstöcken auseinander treibt. Auch in der Bar "Der Rote Kakadu" wird immer öfter der Wodka-Folk unterbrochen, und man kann man Musik hören, "da wackelt der Mutter der Rock".
Diese Welt fasziniert den Bühnenbauer Siggi (Max Riemelt), der vom Land gerade in die Stadt gezogen ist. Der 20-Jährige lernt die schöne Luise (Jessica Schwarz) auf der Flucht vor den Polizisten kennen. Sie arbeitet in der Schnapsfabrik und schreibt "dekadente" Gedichte - und ist leider auch schon verheiratet mit dem etwas wilden Wolle (Ronald Zehrfeld). Siggi will trotzdem dazugehören und schreckt auch nicht davor zurück, das Meissner Porzellan seiner Tante im Westen zu verscherbeln, um sich coole Anziehsachen kaufen zu können. Für Luise schaut ein Autogramm von Heinrich Böll dabei raus.
Doch wilder Sex und der Sound des Klassenfeindes sind der Stasi Freude nicht. Der brave Siggi setzt seinen sicher geglaubten Studienplatz aufs Spiel und Luise und Wolle müssen bald um ihre allerletzten Freiheiten bangen...
Kinofilm-Rating
Kaum ist die Ostalgie-Welle zu Ende kommt mit Dominik Grafs Der Rote Kakadu noch ein Nachzügler des Genres in die Kinos. Diesmal geht's ein bisschen weiter zurück in der Geschichte. In die Zeit kurz vor dem Bau der Mauer ins Dresden zu Beginn der Sechziger Jahre. Die Kakadu-Bar gab's damals tatsächlich und das Drehbuch von Michael Klier ist zu einem grossen Teil autobiographisch.
Und wieder merken wir, jung sein in der DDR fühlte sich nicht so unterschiedlich an anderswo. Das gilt für die 80er (Good Bye Lenin), die 70er (Sonnenallee) und war auch in den Sechzigern nicht anders. Spass haben stand im Vordergrund für die 20-Jährigen. Die jungen Menschen hatten aber auch Ideale. Sie glaubten sogar an Slogans wie "von der Sowjetunion lernen, heisst siegen lernen." Der böse Überwachungsstaat kam später. Mit dem Piepsen vom Sputnik im Ohr war es damals noch ein bisschen leichter zu sagen: "Ich glaube das hier, ist das bessere Deutschland."
So redet die einmal mehr wunderbare Jessica Schwarz als stramme Sozialistin Luise im Film. Ihre Figur ist an die Autorin Brigitte Reimann angelehnt. (Man beachte das Hinkebein.) Mit solchen kleinen Hinweisen wird immer wieder Bezug genommen auf Themen und Verortung des Films innerhalb der damaligen Zeitgeschichte. Der Bombenangriff auf Dresden gut fünfzehn Jahre zuvor wird auch am Rande angeschnitten. Der Regisseur meint dazu treffend: "Die Protagonisten kommen auf ihrem kleinen Pfad, plötzlich an den Rand der Autobahn namens Weltgeschichte."
Der Rote Kakadu ist ein schöner Kostümfilm über eine fast vergessenen Generation. Die beiden tollen Hauptdarsteller Max Riemelt und Jessica Schwarz spielen eine Herz ergreifenden Liebesgeschichte. Nur der Schluss ist ein kleiner Tick zu lang. Luises Verklärung hätte es nicht gebraucht. Schwarz verkörperte ihre Rolle in den 128 Minuten davor anbetungswürdig genug.
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4.4 Sterne (6 Bewertungen) | 0 Kommentare



