Quand j'étais chanteur (2006)
Chanson d'Amour
Quand j'étais chanteur (2006) Chanson d'Amour
Oder: Depardieu bittet zum Tanz
In der französischen Provinz schwingt die schon etwas reifere Generation das Tanzbein noch zu Live-Music. Allabendlich amüsiert Alain Moreau (Gérard Depardieu) und seine Band die schwofenden Pärchen mit Evergreens aus dem Chanson-Fundus. Doch die goldene Schallplatte an der Wand ist eine Fälschung, die nur imponieren soll, und als Konkurrenz droht die Karaokemaschine. Alain Moreau spürt, dass seine Zeit abläuft.
Eines Abends bringt ein gemeinsamer Bekannter (Mathieu Amalric) Marion (Cécile de France) ins Dancing. Die junge Frau im roten Kleid weckt Alains Interesse und der bärige Koloss setzt seine Flirtmaschinerie in Gang. Mit Erfolg: Für eine Nacht landen die beiden in der Kiste.
Unter dem Vorwand, dass er sich eine neue Bleibe sucht, trifft Alain die Imobilienmaklerin wieder. Und beim Häuser besichtigen stellt sich heraus, dass der Chansonier mit den blonden Strähnchen und das urbane Fräulein seelenverwandter sind, als es auf den ersten Blick scheint.
Kinofilm-Rating
Wenn im Film ältere Männer mit jüngeren Frauen um die Häuser ziehen, hat das immer den schalen Beigeschmack einer Altherrenfantasie. Erstaunlicherweise übermannt einen dieses Gefühl nie bei Quand j'étais chanteur, der als Chanson d'Amour in die Schweizer Kinos kommt. Sex ist zwar der Auslöser einer Beziehung zwischen Marion und Alain, aber nicht deren Motor. Cécile de France ist keine Lolita und Gérard Depardieu, obwohl ein alter Charmeur, kein lüsterner Sack. Wäre dem so, würden die Figuren wohl zur Karikaturen. Genau dies möchte Regisseur Xavier Giannoli aber vermeiden. Denn schnell könnte das Provinzielle der Dancings in Clermont-Ferrand in den Augen eines noblen Parisers als minderwertig erscheinen. Doch das Musiker-Milieu ist in diesem Film so liebevoll eingefangen, dass ihm immer etwas Würdevolles bleibt. Die Lichtorgel blinkt. Die Füsse wippen. Der Tanzboden ist picobello poliert. Und mittendrin Depardieu als alternder "Chanteur de Bal" - der notabene auch noch selber singt. Es ist, als wäre man selber dabei.
Natürlich spielen die Chansons eine übergeordnete Rolle im Film. Lieder wie "Mourir d'aimer", "Les Paradis perdus" und "Save the Last Dance for me" wiederspiegeln die Gemütslage der Figuren bestens. Es gelingt dem Film selber, wie ein altes, trauriges Chanson zu wirken. In ein paar Strophen kann man auch nicht die ganze Welt erklären, aber es entwickelt sich ein Gefühl für das wesentliche einer Stimmungslage. Mit seinem leicht flüchtigen Blick auf eine fast vergessene Szene und zwei blendend agierenden Hauptdarsteller gelingt ihm genau dies. Vieles bleibt ungesagt, ist quasi in der Schwebe, und trotzdem spürbar. Das ist berührend, sehr französisch und wie ein gutes Lied auch beim zweiten und dritten Mal hören bzw. schauen, immer noch spannend.
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