The Island - Ostrov (2006)
The Island - Ostrov (2006)
Oder: Russisches Departement des Innern.
1942, zweiter Weltkrieg, nordwestliches Russland, Weisses Meer. In einer eisigen Nacht treibt ein russischer Kohlefrachter einsam dahin. Aus dem Nichts taucht ein Kriegsschiff der deutschen Marine auf und kapert das hilflose Schiff. Die russische Besatzung, ein Kapitän (Aleksei Zelensky) und ein junger Matrose (Timofei Tribuntsev), vergräbt sich in einem der Kohlehaufen. Ein Husten des Matrosen verrät beide. Bald betrachten die Deutschen ihre Gefangenen als nutzlos. Der Kapitän stellt sich eine letzte Zigarette rauchend dem Tod, der junge Matrose fleht in den Lauf des Gewehrs starrend um Gnade. So übergibt der deutsche Befehlshaber dem Matrosen hämisch eine geladene Pistole und stellt eine Bedingung auf: Das Leben des Kapitäns für seins. Jammernd und zitternd zögert der Matrose. Ein Schuss löst sich. Der Kapitän fällt über Bord. Die Deutschen ziehen still weiter in die Nacht. Der alleine auf dem Kohlefrachter gelassene, begnadigte Matrose wirft den Deutschen siegesgewiss Worte nach, ohne die derweil gelegten Sprengladungen zu erahnen. Er überlebt Feuer und Knall und wird bei Tageslicht am Ufer angespült von orthodoxen Mönchen aufgenommen.
34 Jahre später schaufelt der Matrose nun als Mönch für ein Kloster schwer nach Kohle. Einen Namen machte er sich zudem als Heiler und Seher "Vater Anatoli" (Pyotr Mamonov). Und so pilgern aus allen Richtungen Menschen hoffnungsvoll zu diesem "Heiligen", der auf der Insel in einem schäbigen Schuppen haust. Doch obwohl seine "Ratschläge" Balsam für ihre Seelen zu sein scheinen, missfallen ihm ihr kurzsichtiges Gebaren, möglichst rasch und effizient auf Erlösung zu hoffen.
Weiterhin lastet den ehemaligen Matrosen seine Sünde aus der Vergangenheit schwer auf den Schultern. Tag und Nacht, drinnen und draussen bittet er zu Gott betend um Vergebung. Weder dem Klosterabt Filaret (Viktor Sukhorukov), noch dem Obervater Hiob (Dimitri Dyuzhev) sind zudem einige seiner seltsam anmutenden Verhaltensweisen geheuer, obwohl Vater Anatoly ihre durch die Blume als seelenlos anprangert.
Eines Tages übergibt ein weit her gereister russischer Admiral (Yuri Kuznetsov) ihm seine verwirrte Tochter (Viktoriya Isakova) und hofft ebenfalls auf baldige Heilung. Vater Anatoly versucht durch ein tiefes Gebet die Dämonen aus der sich im Schnee räkelnden und zuckenden Tochter zu bannen. Doch der unverhofft auftauchende Besuch lässt ihn seine eigene Vergangenheit einholen und unruhige Seele endgültig aus dem Gleichgewicht bringen.
Kinofilm-Rating
Der Film beginnt düster mit unheilvollen Klängen im Nebel. Dann taucht man in der schönen Landschaft ein, spürt die eisige Kälte auf der Haut, fühlt die unermessliche Weite, fürchtet die tiefe Einsamkeit. Nur das überaus lange Schleppen der "Leiche im Keller" des Vaters Anatoli und seine asketische und religiöse Lebenshaltung drückt schwermütig tief in den Kinosessel - wenn auch garniert mit humorvollen Andeutungen.
Die Vorgeschichte zeichnet einen jungen Matrosen, der zur Tat gezwungen wurde, und der einzige Zeuge in einer Zeit voller Kriegswirren war - aber ob Verräter oder Mörder, wäre ihm tatsächlich schlimme(re)s widerfahren (die UdssR war eine Siegermacht), wenn er sich irgendwann endlich gestellt hätte (der Film würde auch eher/anders enden)? Natürlich ist die Geschichte auch Mittel zum Zweck. In einem Interview sagt der Regisseur Pavel Lungin, er habe das Gefühl, "dass die Zeit des Wandels vorbei" sei und "die Gesellschaft über Dinge wie Ewigkeit, Sünde und Gewissen nachdenken muss", denn "im erbarmungslosen Konkurrenzkampf um Erfolg und Geld sind diese Dinge aus unseren Leben verschwunden." Doch dem Regisseur gehe es andersrum auch "nicht unbedingt um Religion, sondern um das Leben und den Platz des Menschen in der Welt. Es geht nicht um kirchliche Dogmen." Die Klageschrift verpackt er in eindringlichen, aber manchmal (mir) nicht gleich verständlichen Szenen.
Denn wenn Vater Anatoli (gespielt vom russischen Rockstar Pyotr Mamonov) von einem unverheiratetem und schwangerem Mädchen, das um Rat sucht, verlangt das ungeborene Kind auszutragen, weil die Abtreibung eine Sünde sei und es sonst keinen fürsorglichen Mann finden wird - dürfte dies wohl eher zur "präventiven" Vorsicht ermahnen? Einer Witwe gibt er den Rat, sie möge nach Frankreich reisen, denn ihr Mann lebe dort, die Witwe aber zögert, u.a. möchte sie nicht ein kapitalistisches Land besuchen - dürfte dies wohl zum reinigenden Ausreisen anregen? Einem gehbehinderten Knaben bringt Vater Anatoli, indem er ihm die Krücken wegnimmt, zum laufen, die Mutter dankt und möchte rasch abreisen, da die Arbeit wartet, aber Vater Anatoli fühlt sich beleidigt und zwingt den Buben zumindest in Ruhe das Abendmahl zu empfangen - dürfte dies wohl zur notwendigen Musse anreizen?
Ohne sich zu sehr an den religiösen Symbolen und der schwermütigen Langsamkeit zu stören, kann man die Reise nach Ostrov gut wagen, denn sie wirkt im guten Sinne faszinierend. Und erstaunlicherweise fliesst kein Tropfen Wodka, sondern nur Tee - bei Vater Anatoli mit Zucker. Das wird wohl eine Gotteslästerung sein.
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