Golden Door - Nuovomondo (2006)

Golden Door - Nuovomondo (2006)

Oder: Andiamo in America

Golden Door - Nuovomondo

Zu Besuch beim Chabis-Aeschbi

Süditalien zur letzten Jahrhundertwende. Das Bauernleben ist karg und die Gefühlswelt von allerlei Aberglauben bestimmt. Kein Wunder reagiert Salvatore (Vincenzo Amato) auf die sagenhaften Berichte der Auswanderer in die neue Welt positiv. Schliesslich untermauern auch Fotos die Mär vom besseren Leben auf der anderen Seite des Ozeans. Rüben so lang wie Bäume, häusergrosse Kartoffeln und Eier, bei denen man sich um den Hintern der Hühner sorgen machen muss, imponieren dem Sizilianer sehr. So entscheidet Salvatore, Hab und Gut zu verkaufen und mit seinen Kindern und dem rüstigen Grosi (Aurora Quattrocchi) die Überfahrt zu wagen.

Golden Door - Nuovomondo

Das Mandlmeer

Unter all den Italienern, die am Hafen auf das Schiff warten, befindet sich auch die Engländerin Lucy (Charlotte Gainsbourg). Die geheimnisvolle Rothaarige reist alleine und schliesst sich Salvatores Familie an. Nach der vierwöchigen Überfahrt, wird sie in Ellis Island eine der wenigen sein, welche die Ärzte und Schwestern verstehen, die darüber entscheiden, ob man einwandern darf oder nicht. Denn die Einreise in die Vereinigten Staaten ist abhängig von medizinischen und anderen Prüfungen, die nicht alle gewillt sind, zu durchlaufen...


Kinofilm-Rating

Auswandererfilme sind nicht gerade das frischeste Genre. Als das Kino gerade erfunden worden war, hatte das sogar noch eine gewisse Tagesaktualität. Mittlerweile ist man den winkenden Menschenmassen am Dampfersteg und der guten alten Statue of Liberty, die jeder als erster sehen möchte, schön öfters begegnet im Kino. Der an der New York University geschulte Italiener Emmanuele Crialese wagt sich trotzdem nochmals ans Thema und vermeidet altbekannte Szenerien. Sein von Elia Kazans America, America inspirierter Nuovomondo (in der restlichen Welt Golden Door genannt) bringt sogar historische (Wieder)entdeckungen und frische visuelle Ideen.

Der etwas lang geratene Film lässt sich in drei Teile unterteilen. Die alte Welt in Sizilien, das Leben auf dem Schiff und die Quasi-Ankunft im Amerika der neuen Welt, welche durch amtliche Selektion auf der Manhattan vorgelegten Insel Ellis Island verzögert wird. Dabei wird vor allem dem nicht sehr humanen Auswahlverfahren, das die US-Einwanderungsbehörde damals anwandte, viel Platz eingeräumt. Die angewandten Theorien sind leicht als Vorgänger der Rassengesetze, welche den Nazis für weit Schlimmeres dienten, zu erkennen. Crialese geht es aber nicht in erster Linie um eine historische Deutung. Sein Film ist auch keine Stellungsnahme zu den Migrationsströmen von heute. Nuovomondo erzählt von Einzelschicksalen; von Menschen, welche die Ankunft in der Moderne am eigenen Körper miterleben. Ähnlich wie Massimo Troisi in Il Postino eröffnet sich für Vincenzo Amato als Salvatore eine neue Welt. Oft ist das auch auf der Bildebene zu beobachten. Charlotte Gainsbourg als Lucy, die alle nur "Luce" nennen, fällt als statuettenhafte, rothaarige Frau in der Masse auf. Nebeneinander gestellt, sind Salvatore und Lucy ein Bild das alte und neue Welt vereint.

Schwieriger zu deuten ist ein weiteres Sinnbild im Film, das auch auf dem Poster und im Trailer Verwendung findet, und womit der Film endet. Die in Milch badenden Menschen sind sicher als Metaphern zu verstehen. Nur, das Weiss vom ungeschriebenem Blatt oder Amerika als Land, in dem Milch und Honig fliessen, können es nicht sein, weil diese Sprachbilder der deutschen Sprache eigen sind und es davon keine italienischen Entsprechungen gibt. Der Regisseur selber weigerte sich in Venedig, seine Intention bekannt zu geben. Zu erfahren war aber, dass ein weiteres visuelles Highlight des Films, eine Hafenszene, bei dem sich die Menschenmasse aus der Vogelsperspektive langsam teilt, zu den ersten Bildern gehörte, welche ihm für diesen Film vorschwebte.

Von Publikum in Venedig gab's Szenenapplaus und die Italiener hörten fast nicht mehr auf zu klatschen nach den Credits. Zurecht: Nuovomondo ist schön anzusehen, schlau in der Haltung und nicht zuletzt auch witzig. Nur halt ein kleines bisschen zu lang.

4.7 Sterne
4.7 Sterne (9 Bewertungen) | 2 Kommentare

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22.09.2006 / rm