Notes on a Scandal (2006)
Tagebuch eines Skandals
Notes on a Scandal (2006) Tagebuch eines Skandals
Philip Glass hatte ein recht produktives Jahr 2006. So vertonte er Roving Mars, hauchte The Illusionist noch etwas mehr Magie ein und untermalte zu guter letzt das nervenaufreibende Kammerspiel zwischen Judi Dench und Cate Blanchett in Notes on A Scandal. Besonders für letzteres bekam er viel Kritikerlob; gekrönt wurde die Arbeit dann schliesslich mit Glass' 3. Oscar®-Nomminierung. Doch nicht nur die Academy war von Glass' neuestem Werk angetan; auch eine 15-köpfige Jury, bestehend aus Filmmusikjournalisten und Gastjuroren der aktiven Filmmusikszene (darunter auch ein paar OutNow-er) wählte Glass' dramatische Arbeit zur besten Filmmusik 2006.
Die Musik zu Notes on A Scandal ist keine leichte Kost (es ist ja auch ein Werk von Philip Glass), doch vermag sie die Stimmung des Films und das intrigante Spiel von Judi Dench perfekt einzufangen. Toll!
Vorweg muss ich bei dieser Musik unterscheiden zwischen dem dargebrachtem Material auf CD und der Musik im Film. Diese Unterscheidung fällt eigentlich bei jeder Filmmusik an, doch haben wir hier einen etwas speziellen Fall, weil mir persönlich die Musik auf dem Album viel besser gefällt als die Art und Weise, wie die Musik im Film verwendet wird. Mich störte bei der extradiegetischen Verwendung im Film besonders ein Punkt massiv: Die Musik war fast immer zu laut. Sie spielte sich in manchen Szenen zu solchen Grössen auf, dass man als Zuschauer das Gefühl hatte, es müsse jeden Moment etwas Massives explodieren oder eine Hauptdarstellerin werde umgelegt. Diese unterschwellige Spannung wäre meines Erachtens viel intensiver gewesen, hätte man sie etwas verhaltener präsentiert. (Zum Beispiel in der Szene, in welcher Denchs Charakter von Blanchett zum Lunch eingeladen ist und ungeduldig vor deren Tür wartet. Diese Szene musste spannend untermalt sein, denn Spannung und Befürchtungen lagen in der Luft; rein vom Volumen her betrachtet, wurde sie aber vertont wie eine Szene aus Psycho... Dies wirkte auf mich übertrieben und befremdlich).
Während der ganzen fünfzig Minuten baut der Score stetig an Spannung auf, bis sich diese in den letzten vier Stücken zum Höhepunkt auflädt, um sich dann wieder etwas zu beruhigen. Sehr schön am Score ist ein konstant "webender" Effekt, welchen die Musik vermittelt. Mit den sich stetig wiederholenden Harfen- und Klavierfiguren im Wechselspiel, den sich bewegenden Streichern und der Melodie in den Holzbläsern glaubt man regelrecht zu hören, wie Denchs Charakter mehr und mehr ein Netz aus Lügen und Besessenheit um Blanchetts Charakter spinnt. Dass sich das ganze in einem unheilvollen Ende entlädt, macht die Musik ebenfalls durch stetige dramaturgische Verdichtung klar. Diese Verdichtung erreicht ab dem Titel "Betrayal" ihren Höhepunkt, indem sich zu der nervenaufreibenden musikalischen Bewegung aus den ersten zwei Dritteln der Komposition ziemlich aggressiv gespielte Perkussion und dissonantes Klavierspiel gesellen. Besonders zweiteres erinnert massiv an ähnliche stilistische Elemente in Thrillerscores von James Horner.
Fazit: Philip Glass' Komposition zu Notes On A Scandal ist keine leichte Musik. Ihre Wirkung verstärkt sich massiv, nachdem man sich den Film angesehen hat, und auch wenn ich die Musik rein von der Lautstärke her während dem Film mehrheitlich als viel zu penetrant empfand, so ist ihr Effekt in manchen Szenen beachtlich. Das Unbehagen, welches von Denchs Charakter ausgeht, ist omnipräsent im Score, was total einleuchtet, da der Charakter auch im Film dauernd präsent ist (wenn nicht gerade in Interaktion mit den anderen Schauspielern, dann als Off-Kommentar). Die musikalische Idee mit der dauernden unruhigen Bewegung, welche gerade mal im Stück "The Promise" etwas pausiert, und die stetig aufbauende Dramatik machen diese Musik zu einer sehr interessanten Komposition für Filmmusikenthusiasten und Glass-Liebhaber. Als reines Souvenir zum Film wird die Musik jedoch wohl eher schwierig sein.
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