An Inconvenient Truth (2006)
Eine unbequeme Wahrheit
An Inconvenient Truth (2006) Eine unbequeme Wahrheit
Oder: "This is really not a political issue so much as a moral issue"
Die Erde wird immer wärmer. Die Temperaturen steigen, das Wetter spielt verrückt. Bald laufen wir mit Sandalen unter dem Christbaum umher und kennen Schnee nur noch vom Fernsehen. Wenns nach den neuesten wissenschaftlichen Daten geht, dann sind wir bereits mitten drin in der grössten Bedrohung, die unseren Planeten jemals heimgesucht hat. "Global Warming". Und wer hat Schuld daran? Nein, dieses Mal sinds keine Aliens oder sonstige Monster. Wir sinds! Die Menschen!
Der ehemalige US-Vize (und "used to be the next") Präsident der USA, Al Gore, hat sich ganz diesem Thema verschrieben und tourt mit seinem Multimedia-Vortrag durch die Länder. Wissenschaftliche Fakten, schockierende Bilder und immer wieder einfach erklärende Grafiken und Filmchen werden dem interessierten Zuschauer vorgeführt. Und erschreckt stellt man fest, dass der gute Mann zwar keine politischen Wahlen gewinnen kann, dafür in seinem Vortrag Daten und Bilder präsentiert, die sogar uns Schweizern Angst machen sollten. Schon mal gemerkt, dass die Gletscher sich immer mehr zurückbilden?
An Inconvenient Truth bringt, und das lässt der Titel schon erahnen, die Leute zum nachdenken. Hey, eigentlich sind doch sonnige und warme Sommer gut, oder? Aber zu welchem Preis?
Kinofilm-Rating
Wem das hier zu lang ist: Im letzten Absatz gibt es eine Kurzfassung...
Global Warming, resp. Globale Erwärmung und Klimaerwärmung sind Begriffe, deren generelle Bedeutung heute kaum mehr einer grossen Erläuterung bedarf: Es geht um den Anstieg der durchschnittlichen Temperatur der Erdamtosphäre und der Ozeane. Dass sich das Klima unseres Planeten in den letzten Jahrzehnten erwärmt hat und weiter erwärmen wird, gilt als wissenschaftlich gesichert. Ebenso steht fest, dass bei einem globalen Temperaturanstieg das Klimasystem der Erde beeinflusst wird. Exakte Prognosen zur Zukunft unseres Klimas, zum Grad der Erwärmung und dem Ausmass dadurch ausgelöster klimatischer Veränderungen sind aufgrund der Komplexität des Erdklimas hingegen schwierig zu machen. Diese Unsicherheiten bezüglich der Zukunft, aber auch die Involvierung wirtschaftlicher und politischer Interessen, machen die Klimaerwärmung zu einem kontrovers diskutierten Thema. An Inconvenient Truth leistet einen interessanten Beitrag dazu.
Der Film (im Juni 2006 mit dem Humanitas Preis ausgezeichnet) ist im Groben aus zwei Hauptelementen aufgebaut: Aus einem Referat Al Gores zum Thema Globale Erwärmung, in dessen Verlauf zahlreiche Fakten und Erläuterungen zur Klimathematik präsentiert werden. Und aus einer Dokumentation der Person Al Gores, die Einblick in die Motive und Hintergründe seines Handelns gibt.
Beim ersten Element handelt es sich um einen Vortrag, den Al Gore seit mehreren Jahren weltweit dem Publikum präsentiert. Im Film wird dabei eine Mischung aus Live-Ausschnitten des Referats und aus Filmaufnahmen mit der Stimme Al Gores aus dem Off gezeigt. Dabei entpuppt sich der ehemalige Präsidentschaftskandidat als witziger, mitreissender Redner und Präsentator, der mit seriösem Fachwissen den Verstand und mit gekonnt ironischen Bemerkungen das Herz anspricht (ein Beispiel, das weniger gehaltvoll ist als der Film, dafür lustiger). Auf fachlicher Ebene bewegt sich Gore dabei auf der sicheren Seite und begibt sich zumeist gar nicht erst auf das wissenschaftliche Glatteis von Zukunftsszenarien und Prophezeihungen. Vielmehr zeigt er auf, was sich bisher ereignet hat und welche Auswirkungen dadurch ausgelöst wurden. Die Zukunftsvisionen überlässt er zu grossen Teilen der persönlichen Vorstellungskraft seines Publikums. Die Inhalte visualisiert er mit packenden Aufnahmen (Faszination Naturgewalten!), immer wieder aufgelockert mit witzigen Einschüben wie beispielsweise einem Ausschnitt aus der Futurama-Episode Crimes of the Hot, worin die Entstehung Globaler Erwärmung in unterhaltsamer Manier erklärt wird.
Dabei versteht sich: Das Erdklima ist ein dermassen komplexes Thema, dass eine ein bis zwei Stunden dauernde Präsentation im Dienste guter Verständlichkeit gar nicht anders kann, als Inhalte zu vereinfachen und Details beiseite zu lassen. In diesem Zusammenhang gibt es inhaltliche Punkte, deren wissenschaftliche Korrektheit von kritischen Geistern möglicherweise in Frage gestellt werden kann; den Hurrikan Katrina als direkte Folge der Globalen Erwärmung darzustellen, scheint mir angesichts der Komplexität des Wetters beispielsweise doch etwas gewagt. Diese Einschränkung im Auge behaltend, empfand ich (als Laie) das Präsentierte dennoch als ehrlich und korrekt, wobei Gore sich auch nicht scheut, die Argumente von Zweiflern ("warme Perioden hat es in der Geschichte der Erde immer gegeben") aufzugreifen - natürlich nicht ohne sie im Folgesatz sogleich schlüssig zu entkräften.
Das zweite Element ist eine Annäherung an die Person Al Gores, die den ganzen Film durchwebt und die von Regisseur Davis Guggenheim (Alias - The Prophecy) sensibel und unaufdringlich umgesetzt worden ist. Gezeigt werden sowohl Rückblenden (oft Archivaufnahmen) wie auch gegenwärtige Situationen, beispielsweise Al Gore im Flugzeug beim Bearbeiten seiner Präsentation. Dazu erzählt Gore aus dem Off von jenen Ereignissen, die ihn zu seinem Klima-Engagement getrieben haben: von seinem College-Lehrer beispielsweise, der sich bereits in den 60-er Jahren mit CO2-Messungen befasste, oder vom schweren Umfall seines kleinen Sohnes, der ihn realisieren liess, was es heisst, etwas geliebtes zu verlieren. Dabei geht es nicht darum, Al Gore in all seinen Facetten zu porträtieren; sondern darum, mit bewusst gewählten Anekdoten einige der Beweggründe für sein Engagement zu illustrieren und dem etwas abstraktem Thema "Globale Erwärmung" eine persönliche Note zu verleihen. Sehr kritische Geister mögen hier anfügen, dass Al Gore auch noch andere, vom Film verschwiegene Antriebe für sein Handeln haben könnte - möglich. Aber kaum zentral.
Insgesamt ist An Inconvenient Truth ein spannender Film, der sich einem wichtigen Thema seriös, dabei aber durchaus mit Charme und Witz annimt. Vom etwas reisserisch wirkenden Trailer sollte man sich nicht abschrecken lassen - der Film schlägt eine wesentlich sachlichere Tonalität an, ohne dabei spröde oder langweilig zu sein. Und er motiviert: Auch wenn Al Gores finaler Pepptalk zuweilen ein bisschen gar viel Pathos versprüht - ich habe den Kinosaal mit erstärktem Tatendrang und guten Vorsätzen verlassen. Konkrete Tipps, um selber einen Beitrag zu leisten, gibt es übrigens im Abspann.
Kurzfassung: Thema: Global Warming/Globale Erwärmung (Schwerpunkt) und Al Gore (Zugabe). Eindruck: Spannend und aufrüttlend, dabei weitgehend seriös (attestiert auch das Forum for Climate and Global Change in einem der Pressemappe beigelegtem Statement); Gore hat Charisma. Kritik: Zusammenhänge werden zuweilen vereinfacht dargestellt. Fazit: wichtig und empfehlenswert!
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