Die Herbstzeitlosen (2006)

Die Herbstzeitlosen (2006)

Oder: Wenn das Emmental durchgerüttelt wird

Die Herbstzeitlosen

Waiting for Godot

Die vier Freundinnen kennen sich schon seit Jahrzehnten. Vieles haben sie gemeinsam erlebt im kleinen Emmentaler Dorf Trub. Als der Mann von Martha (Stephanie Glaser) stirbt, versucht sie das Leben so weiterzuleben wie bis anhin. Doch der "Tante-Emma-Laden" ist nicht ihr Ding und sie verliert ihre Lebenslust. Am Liebsten möchte sie sterben, um so wieder in der Nähe ihres geliebten Mannes Hans zu sein. In der Jassrunde merken ihre drei besten Freundinnen bald, dass etwas nicht in Ordnung ist mit ihr.

Den alten Frauen fehlt die Lebenslust, mit Ausnahme von Lisi (Heidi Maria Glössner). Sie war mehrere Jahre in Amerika und zerrt noch heute an den Erinnerungen von dazumal. Mit etwas Geschick schafft sie es in Martha einen alten Traum zu wecken: Eine Lingerie-Boutique in Paris. Der Einfachheit halber soll die Boutique allerdings im Laden des Familienhauses eröffnet werden. Nach einer kurzen Bedenkzeit wagt Martha den Schritt nach vorne und der Traum nimmt langsam Formen an - vorerst aber noch alles im Geheimen.

Die Herbstzeitlosen

"Komm, lass mich fahren!"

Walter (Hanspeter Müller), Dorfpfarrer und Sohn von Martha, hat schon lange ein Auge auf den Laden geworfen. Er möchte dort ganz gerne mit seiner Bibelgruppe einziehen, um etwas Distanz von zu Hause zu kriegen. Als er glaubt, seine Mutter von seinen Plänen überzeugt zu haben, eröffnet diese eines Tages ihre neue Boutique. Von diesem Moment an hängt der Dorfsegen schief, denn so was gehört sich nicht in Trub. Es bilden sich zwei Fronten: Die Einen nutzen die Veränderung als Motivation um selber etwas aus dem eigenen Leben zu machen, die Anderen sehen in diesem sündigen Geschäft eine Bedrohung für die Ordnung im Dorf.


DVD-Rating

Regisseurin Bettina Oberli sagts im Booklet, das der DVD beiliegt, selber: "Dass der Film eine Kinoauswertung erhält, freut mich besonders für die vier Damen, die nun unverhofft auf der Leinwand ihren grossen Auftritt haben". Und das im grossen Überraschungsfilm 2006. Denn Die Herbstzeitlosen zogen über eine halbe Million Zuschauer in die Kinos und waren bei uns damit sogar noch erfolgreicher als Grounding oder der erste Spiderman.

Die Geschichte zielt ganz klar und mit Absicht an den jungen Zuschauern vorbei und mehr auf die "gesetzteren" Leute. Endlich mal ein Film, den man ohne grosse Probleme mit dem Grosi schauen kann und bei dem sie wahrscheinlich mehr Spass hat, als alle jüngeren Begleitungen. Aber so sympathisch, charmant und nett der Film auch ist, so richtig interessant wird er kaum. Alles braucht seine Zeit, keiner "jufled" (Bärndütsch für "stresst") und die Darsteller der älteren Garde zeigen, dass sie auch im reifen Alter noch einiges zu leisten vermögen.

Überhaupt, es wird vornehmlich Stephanie Glaser wieder erkannt. Sie gibt ihr "Martheli" mit einer gesunden Mischung aus Trotzkopf und Grossmami und kommt sehr sympathisch rüber. Ebenso Heidi Maria Glössner, die für mich irgendwie der Verbindungspunkt zwischen Jung und Alt war. Die anderen zwei Hauptfiguren entwickeln sich zwar in der Geschichte schön (Internetkurs, Autofahrschule), bleiben aber klar im Hintergrund. Hanspeter Müller beweist einmal mehr, dass er seit einiger Zeit in jeder Rolle überzeugen kann. Auch wenn er in Die Herbstzeitlosen nicht grad die anspruchsvollste Arbeit abliefern muss.

Fazit: Es ist ein netter Film geworden und passt deswegen auch hervorragend am Sonntag-Abend um 20.30 Uhr ins Fernsehprogramm von SF1. Die Herbstzeitlosen wurden (und werden noch immer) im Kino von einer Welle der Sympathie getragen, so dass man fast ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man schreibt, dass der Film an sich eigentlich gar nicht so toll ist. Ein paar Schmunzler, ein bisschen Tragik und einen Haufen Schweizer Bünzlis machen für mich noch keinen interessanten Film aus. Und genau deswegen geh ich jetzt in die Ecke und schäm mich. ;)

Die DVD ist voll und ganz auf das bekannteste Gesicht des Filmes zugeschnitten. Stephanie Glaser ist omnipräsent. Man sieht sie bei den Dreharbeiten in Bern, bei den Funny Takes (die herzig sind, aber halt nicht mehr) und natürlich in Interviews ("Quer" lässt grüssen) und bei der Preisverleihung in Locarno. Die rüstige Dame scheint über allem zu schweben, da bleibt nur noch wenig Platz für Kommentare der Regisseurin oder anderen Involvierten. Den Audiokommentar darf sie dann auch noch sprechen. Andere Mitmacher der Herbstzeitlosen kommen leider kaum zu Wort. Das ist ziemlich schade, denn so sympathisch Stephanie Glaser auch ist, so richtig Spannendes und Neues kriegt man nicht mehr zu hören.

Wem das alles noch nicht genug Information ist, der darf einen Blick ins schön farbig bebilderte Booklet werfen, das der DVD beigelegt ist. Dort wird nochmals alles aufgerollt und niedergeschrieben.

Der Ton ist, wie es sich für einen fürs Fernsehen konzipierten Film gehört, nicht ganz auf der Höhe der Konkurrenz. Aber s'geht schon. Bildtechnisch müssen ebenfalls ein paar Abstriche gemacht werden. Dafür (und natürlich für die internationale Vermarktung des Films) stehen umso mehr Untertitel zur Auswahl.

4.3 Sterne 4.0 Sterne
4.3 Sterne (82 Bewertungen) | 3 Kommentare

3.53.5
06.04.2007 / pj (Inhalt), muri (Rating)


DVD-Infos

DVD erschienen am 30.03.2007

  • Bildformat: 1:1.85 (16:9)
  • Sprachen: Schweizerdeutsch (DD 5.1), Schweizerdeutsch (DD 2.0)
  • Untertitel: Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch, Deutsch für Gehörlose
  • Extras: Trailer, Fotos vom Dreh, Funny Takes, Booklet, Interview mit Stephanie Glaser, Audiokommentar, Preisverleihung aus Locarno, Die Musik, Presseberichte als PDF-Dateien