Grounding - Die Letzten Tage der Swissair (2006)
Grounding - Die Letzten Tage der Swissair (2006)
Oder: Ich verspräche ihne, mir bliibed i dä Luft
Die Swissair. Der Stolz einer Nation. Neben dem Heidi und dem Emmentaler ein grosses Symbol eines kleinen Landes. Nie, aber auch gar nie, hätte jemand auch nur zu denken gewagt, dass sich daran jemals etwas ändern sollte. Man liebte die Schweizer Airline, man flog bevorzugt ihre Maschinen und freute sich ab den Schöggelis und den feinen Glaces. Dass diese Luftblase einmal platzen würde, konnte man sich nicht vorstellen. Dass gar einmal alle Flugzeuge der Swissair am Boden bleiben und die Firma so Bankrott gehen würde, dass nicht mal mehr die Hotelrechnungen für die Crews bezahlt werden konnten, war schlichtweg unmöglich. Grounding beweist uns das Gegenteil.
1992 lehnte das Schweizer Volk den Beitritt zum europäischen Wirtschaftsraum ab und brachte so den damaligen Chef des Unternehmens auf die Idee, sich mit anderen, kleinen Fluglinien (Austrian Airlines, KLM und SAS) zusammenzutun, um sich gemeinsam gegen die Grossen des Marktes zu wehren. Kaum ist dieser Schritt bekannt, macht sich Crossair-Gründer Moritz Suter (Lazlo I. Kish) auf und deponiert "Phoenix". Eine Alternative, welche die Übernahme der Swissair durch die billigere Crossair vorsieht. Die Verhandlungen scheitern, neue Partner werden gesucht und scheinbar auch gefunden. Unter Philippe Bruggisser, dem neuen CEO der Swissair, wird nun alles gekauft, was nicht niet- und nagelfest ist. So soll die Schweizer Nationalfluggesellschaft wieder zu neuem Glanz kommen.
Natürlich geht auch dieses Projekt nicht auf und der CEO wird ein weiteres Mal gewechselt. Moritz Suter ist nun dran, schmeisst aber nach kurzer Zeit den Bettel hin. Mario Corti Hanspeter Müller Drossaart) wechselt von Nestlé zu Swissair und versucht, diese wieder auf Vordermann zu bringen. Als Unterstützung holt er die Amerikanerin Jaqualyn Fouse (Katharina Von Bock) an Bord, die ihm helfen soll, dieses Chaos seiner Vorgänger zu entwirren. Ebenso macht ein Aufsteiger von sich reden. André Dosé (Michael Neuenschwander) scheint der Mann der Stunde zu sein, ohne den die Rettung der Swissair nicht möglich wäre. Auch er wird sein wahres Gesicht erst noch zeigen. Steigende Benzinpreise, terroristische Anschläge und der Verlust von Passagierzahlen bringen den kämpfenden CEO in arge Not, aus dem ihm schlussendlich nur noch die wahren Mächtigen dieses Landes helfen können. Die Banken.
Die UBS in Basel wird von Marcel Ospel (Gilles Tschudi) und seinem Wadenbeisser-Anwalt vertreten, während die Zürcher CS durch Lukas Mühlemann (Rainer Guldener) repräsentiert wird. Zusammen müssen liquide Mittel geschaffen werden, um die immer mehr in finanzielle Not geratene Swissair, aus dem Schlamassel zu ziehen. Doch wo anfänglich ein freundlicher Händedruck war, folgt bald schon das Messer im Rücken. Die Bänker zeigen ihr wahres Gesicht, übertrumpfen sich gegenseitig mit Machtdemonstrationen und vergessen dabei eins total: Die Rettung der Swissair.
Neben all den politischen Machtkämpfen und offenen Anfeindungen zwischen Zürich und Basel, sind da auch noch die persönlich Betroffenen. Der Pilot (Pasquale Aleardi), der zusammen mit der Maître de Cabine (Stephanie Japp) Depositen hinterlegt und sein Geld davonschwimmen sieht. Der Italiener (Enzo Scanzi), der bei seit -zig Jahren bei "Gate Gourmet" arbeitet und nun seinen Job verliert wegen einer Bank, in der sein Sohn (Leonardo Nigro) arbeitet. Diese und viele andere Menschen haben damals, im Oktober 2001 mehr verloren als nur ihren Job.
Kinofilm-Rating
Am 2. Oktober 2001 ging auf dem Flughafen Kloten in Sachen Swissair nichts mehr. Das Benzin konnte nicht bezahlt werden, die Flugzeuge blieben am Boden oder wurden an auswärtigen Destinationen festgehalten. Der einst so klangvolle Name der Swissair war tot. "Its the End of the flying Bank", wie es eine Betroffene im Film so ziemlich brutal und ehrlich kommentiert. Das Ende einer Institution, das Aus eines Nationalheiligtums. Basierend auf dem Buch "Der Fall der Swissair" bringt der Regisseur von Mein Name ist Eugen nun eine Vergangenheitsbewältigung in die Kinos, die damals jeden auf irgendeine Art berührt hat. Grounding mischt gekonnt fiktionale Geschichten mit tatsächlichen Ausschnitten aus diversen Newssendungen und Diskussionen. Eine Art Dokutainment mit ernsthaften und tragischen Einblicken in die Machtwelt der Reichen.
Und Grounding ist gut. Vor allem die toll recherchierten und packend zusammengeschnittenen Realszenen der Beteiligten versprechen Spannung, Dramatik und hemmungsloses Kopfschütteln. Welche Arroganz legen die Beteiligten an den Tag, welches Unverständnis und überhaupt, wie kann man nur diese verdammten Machtspielchen über das Wohl der nationalen Airline stellen. Der Bankenkrieg zwischen Zürich und Basel scheint anfänglich übersichtlich zu sein und wird als "normale" Konkurrenz abgestempelt. Jedoch entwickelt sich aus diesen Spielchen ein offener Kampf, bei dem es nur darum geht, wer die bessere Position beziehen kann. Und mittendrin, mit allen Mitteln am Kämpfen und gegen Windmühlen anrennend, steht ein Mann mit schütterem Haar, der versucht, nicht nur die Gesellschaft an sich zu retten, sondern auch die Männer dahinter. Es sollte ein vergebener Kampf für Super-Mario Corti werden.
Was es bei Grounding ebenfalls dick hervorzuheben gilt, sind die schauspielerischen Leistungen. Allen voran der Oberbösewicht der Nation, Gilles Tschudi, der als Bänker kaum widerwärtiger sein könnte. Ihm gleich tut es der mittlerweile omnipräsente Hanspeter Müller-Drossaart, der als Mario Corti eine Glanzleistung abliefert. Allerdings ist auch der Rest der Crew hervorragend besetzt und leistet excellente Performances. Angefangen von Lazlo I. Kish über Pasquale Aleardi bis hin zur Ex-Miss Teenie Stephanie Stämpfli, deren Rolle zwar klein ist, aber trotzdem gut gemeistert wird.
Man könnte bei Grounding von einem Film der Extraklasse reden, wären da nicht die Soap-Opera-Teile, die dem Ganzen gar nicht gut tun. Der trinkende Pilot, der rebellische Bub, der durchdrehende Italiener und der herzensgute Altmechaniker, der, bezeichnend für den Untergang der Swissair, ebenfalls kein gutes Ende findet. Diese Storylines dienen meist der Ausdehnung des Films, der Ablenkung vom wirklich interessanten Hin- und Her und leider sind nicht wirklich interessant. Lustig ist allerdings, dass sich "Wrigley" (Janic Halioua, der Kumpel aus Mein Name ist Eugen) dieses Mal als kiffendes und Pornofilmguckendes Kiddie präsentiert.
Fazit: Nein, Grounding ist nicht nur für Direktbetroffene oder Wirtschaftsinteressierte. Grounding ist für alle diejenigen, die wirklich wissen wollen, was damals im schwarzen Oktober 2001 passiert ist. Und wenn man über die Vorabendserien-Teile der fiktiven Personen hinwegsieht, wird man gute zwei Stunden genial informiert, unterhalten und gepackt. Dazu gibt es einen Soundtrack, den ich persönlich noch in keinem Schweizer Film für so gut gelungen empfunden habe. Da lohnt sich ein Kino mit guter Soundausstattung. Das Kinojahr 2006 fängt toll an, denn Grounding ist wahrhaft ein erstes Highlight!
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