Grbavica: The Land of My Dreams (2006)
Esmas Geheimnis
Grbavica: The Land of My Dreams (2006) Esmas Geheimnis
Oder: Wunden der Vergangenheit
Esma (Mirjana Karanovic) ist eine alleinerziehende Mutter mit Geldsorgen. Der staatliche Hilfsbatzen reicht bei Weitem nicht aus, um für sich selbst und das Leben ihrer Tochter Sara (Luna Mijovic) zu sorgen - speziell jetzt nicht, wo Saras Klassenfahrt ansteht, ein Ausflug, auf den sich das Mädchen wahnsinnig freut. Um das benötigte Geld rechtzeitig zusammenzukriegen, nimmt Esma eine Stelle in einem Nachtlokal als Kellnerin an.
Die nächtliche Arbeit ist streng und zehrt an den Kräften der geprüften Frau. Als ob das nicht schon der Bürde genug wäre, scheint Sara ausgerechnet jetzt in eine schwierige pubertäre Phase zu gelangen: Das burschikose Mädchen prügelt sich in der Schule und zettelt bei jeder Gelegenheit Streit mit Sabina (Jasna Ornela Beri), Esmas Freundin und Babysitterin, an. Sara fragt ausserdem immer öfter nach ihrem Vater, den sie nie kennengelernt hat - ein Thema, worüber die Mama überhaupt nicht sprechen mag.
Das Leben verkompliziert sich weiter für Esma, als sie ihren Kellnerinnen-Job nach wenigen Tagen wieder verliert - und dabei beinahe vom Ladeninhaber verprügelt wird. Pelda (Leon Lucev), ein Mitarbeiter der Gefühle für Esma hegt, verhindert zwar Schlimmeres. Doch auch in ihm findet Esma keine weitere Stütze - Pelda wandert nach Österreich aus. Der Verlust der Stelle, die Dringlichkeit, innert weniger Tagen das Geld für die Klassenfahrt der Tochter organisieren zu müssen und deren stetiges Nachbohren über ihren Vater, lasten immer schwerer auf der sonst so starken und beherrschten Esma. Und es droht, dass unter dem ganzen Druck eine alte Wunde aufbricht und das Trauma eines krampfhaft verdrängten Erlebnisses an die Oberfläche steigt...
Kinofilm-Rating
Hinweis: Dieses Rating enthält Spoilers.
Grbavica ist ein Stadtteil in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Das Quartier hat eine tragische Vergangenheit: Im Jugoslawischen Krieg in den 1990-er Jahren war in Grbavica während der Besetzung durch die Serbo-Montenegrinische Armee ein Gefangenenlager installiert. Tausende von Menschen wurden dort gefoltert und misshandelt - die Frauen unter anderem durch systematische Vergewaltigungen.
Die 32 Jahre junge Grbavica-Regisseurin Jasmila Zbanic, geboren und wohnhaft in Sarajevo in der Nähe von Grbavica, schreibt im Presseheft, dass diese Art von Kriegsstrategie - also die Massenvergewaltigungen - sie enorm beschäftigten und sie sich insbesondere immer wieder die Frage stellte, wie es für eine Frau wohl sein muss, die auf diesem Weg ein Kind bekommt. Ein Kind, das man als Mutter liebt, als Opfer gleichzeitig aber auch hasst, weil es einem immer wieder an das traumatische Erlebnis der Vergewaltigung erinnert. Grbavica, so sagt sie, sei aus diesen Fragen heraus entstanden.
In diesem Licht betrachtet, ist die Geschichte um Esma (ausgezeichnet dargestellt von Mirjana Karanovic) und ihre Tochter Sara eine traurig-berührende. Nachdem am Filmende Esmas Geheimnis gelüftet worden ist, macht rückblickend vieles in Grbavica Sinn, werden die Handlungen und Reaktionen - speziell jene Esmas - plötzlich klarer und nachvollziehbarer. Man empfindet noch etwas mehr Bewunderung und Mitgefühl für diese gezeichnete und trotzdem immer noch zum Lachen und Lieben fähige Frau.
Ob es ein Vor- oder ein Nachteil ist, dass diese Erleuchtung für das Publikum erst am Schluss kommt, will ich mal offen lassen. Problematisch ist meines Erachtens aber, dass man ohne das Wissen um Esmas Trauma den Film mit anderen Augen sieht. Man spürt und weiss zwar, dass da irgendetwas ist mit Esma und dass sie etwas Schlimmes erlebt haben muss. Man weiss aber nicht, was es ist. Es könnte irgendein Schicksal sein, und wie die Gruppentherapie-Szene gleich zu Beginn des Films klar macht, haben viele Frauen in Grbavica Trauriges erlebt. So folgt man Esma durch den Alltag und schaut ihr zu, wie sie mit den täglichen Widrigkeiten kämpft und dennoch immer wieder lachen kann. Man nervt sich mit ihr über die trotzigen Phasen ihrer zeitweise rotzgörigen Tochter und ertappt sich dabei, dass man Sara zuweilen auch selber eins an die Löffel geben möchte. Man nimmt Anteil an Esmas Leben, aber man verspürt dabei nicht jene Emotionen, die am Ende durch Esmas Enthüllung ausgelöst werden.
Man verstehe mich nicht falsch: Grbavica ist ein berührender Film, der enorm von seinen sympathischen Darstellern profitiert (eine kleine Ausnahme hierbei bildet Luna Mijovic als Sara - ihre Darstellung der nervigen 12-Jährigen ist überzeugend... nervig) und ausserdem einen interessanten Einblick in die Musik des Balkans bietet - vom traditionellen Ilahija bis zum modernen Turbo Folk. Doch eine der Stärken des Films, nämlich seine vielen interessanten Figuren, ist gleichzeitig auch eine Schwäche. Es werden so viele Geschichten aufgegriffen und Einzelschicksale angeschnitten, dass der Fokus zuweilen von Esma weggleitet und man daran herumstudiert, wie wohl die Story dieses oder jenes Nebenschauplatzes ausgehen mag.
Spätestens am Schluss ist die volle Konzentration dann aber wieder bei Esma. Und nicht nur ihre erschütternde Geschichte, sondern auch das offene Ende des Films regen dazu an, auch nach dem Verlassen des Kinosaals noch etwas über Grbavica - übrigens Zbanics erster Feature Film - nachzustudieren.
![]()
5.0 Sterne (6 Bewertungen) | 4 Kommentare



