Der Freie Wille (2006)

Der Freie Wille (2006)

Oder: "Wir müssen an den freien Willen glauben. Wir haben keine Wahl."

Wie ein Cro-Magnon-Mensch irrt ein Mann durch die Wälder. Er versucht keuchend den Lichterkegeln der Suchtrupp-Taschenlampen zu entkommen. Seine Frisur ist immer noch so wirr wie Stunden zuvor, als er eine Frau vom Fahrrad riss, ihr mehrmals ins Gesicht schlug, sie vergewaltigte und im Dünensand liegen liess. Er wird gefasst.

Der Freie Wille

Trotz dem Porno auf dem Sender, kriegt er keinen Ständer

Neun Jahre später. Theo, der strubbelige Vergewaltiger, sieht nun aus wie Jürgen Vogel, der nette Filmschauspieler. Drei Frauen hatte er vergewaltigt und schwer misshandelt. Doch Theo galt nicht als kriminell sondern als krank und kam in die Psychiatrie. Heute wird aus der Therapie entlassen und kommt in ein Projekt für begleitetes Wohnen mit anderen Ex-Häftlingen und einem resignierenden Bewährungshelfer (André Hennicke). Doch richtig sozialisieren kann Theo sich in der freien Welt nicht. Das wird ihm schnell bewusst, obwohl er bei seiner neuen Arbeitsstelle als gutes Beispiel für die Gesellschaft wirken will. Als einer, der es trotz Gefängnisaufenthalt wieder geschafft hat.

Auch mit den Frauen klappt es nicht. Er hat Angst vor ihnen. Dampf lässt er im Kampfsporttraining ab. Hoffnung keimt auf, als er Nettie (Sabine Timoteo) trifft. Eine Chocolatrice, die selber jahrelang von ihrem Vater psychisch missbraucht wurde, und sich endlich von ihm lossagen konnte. Nettie und Theo kommen sich näher, obwohl sie sich eigentlich beide gegenseitig vom Leib halten möchten. Liebe könnte sich entwickeln, wenn Theo nicht davon überzeugt wäre, dass der Triebtäter nicht immer noch ihn ihm stecken würde.


Kinofilm-Rating

Das Poster zu Der Freie Wille das rund um den Potsdamer Platz aufgehängt war, erinnerte stark an den letztjährigen deutschen Wettbewerbsbeitrag Gespenster. Wieder ein knallrot eingefärbtes Foto und wieder mit Sabine Timoteo in einer Hauptrolle. Auch der dazugehörige Film ist ähnlich sperrig in Machart und Themenwahl, und trotzdem ein sehr faszinierendes Werk, das einen in seinen Bann zieht, nicht zuletzt wegen hervorragender Schauspielerleistungen.

Sexualstraftäter sind, nicht nur wenn sie auf Hafturlaub sind, ein Reizthema. Doch Regisseur Matthias Glasner nennt seinen Beitrag im Wettbewerb der Berlinale 2006 ungern "Problemfilm" ÜBER ein Thema, sondern "einen Trip, bei dem wir mit zwei Menschen mitgehen". Mehrfach fängt er dabei Vergewaltigungen schonungslos mit der Kamera ein. So auch beim Einstieg in den Film. Mit einer nur rudimentären Vorgeschichte vom Täter, und in der Folge auch ohne Erklärungsversuche aus der Kindheit, aber auch ohne die Opfer mit einer tiefer gehenden Identität auszustatten, ist alles, was vom brutalen, minutenlangen Akt übrig bleibt, die Erbärmlichkeit des Täters, die einen den ganzen Film hindurch begleiten wird.

Wie Theo selber weiss man deshalb mit gnadenloser Bestimmtheit, dass ihn seine Dämonen nicht verlassen werden. Calvin Klein-Parfümwerbungen, die weiten Ausschnitte der Serviertöchter werden zu sexuellen Signalen, die in Sichtweite von Theo ein bedrohliches Unwohlsein auslösen. Die U-Bahnhöfe, Tiefgaragen und einsame Strassen in einer grauen deutschen Stadt, die mit blassen Farben eingefangen wurde, werden zu potentiellen Tatorten für Vergewaltiger.

Jürgen Vogel durchlebt die innere Zerissenheit seiner Figur grandios. Keuchend und wichsend, sich mit Kampfsport quälend wie Robert De Niro in Taxi Driver. Bestens unterstützt wird er von Sabine Timoteo, wohl die einzige Schweizer Filmschauspielerin, die nie in Versuchung geraten wird, eine Gastrolle in Lüthi und Blanc anzunehmen. Wenn sich die beiden einsamen Seelen im Badewasser liebkosen, nachdem er ihr eine Privatvorstellung von Ave Maria in der Kirche organisiert hat, keimt die Hoffnung auf ein Happy-End, das man sich für ein Element unserer Gesellschaft wie Theo gar nicht zu wünschen traut.

4.9 Sterne
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28.02.2006 / rm