Emmas Glück (2006)
Emmas Glück (2006)
Oder: Letzter Abstecher
Die Schweine haben es gut bei Emma auf dem Hof - die anscheinend verwaiste Bäuerin (Jördis Triebel) kümmert sich liebevoll um ihre Tiere und schlachtet sie so hingebungsvoll, wie man ein kleines Kind zu Bett bringt. Wer in Emmas Armen stirbt, für den ist das Jenseits ein Schlummerland. Emma selbst hingegen ist voller Leben - wer sie auf die Verschuldung des Guts und die anstehende Enteignung aufmerksam macht, kriegt eine Flinte vors Gesicht gehalten.
Szenenwechsel: Der Autoverkäufer Max (Jürgen Vogel) hat soeben sein Todesurteil erfahren - er leidet an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Kurz entschlossen stibitzt er das gesammelte Schwarzgeld aus der Betriebskasse und flitzt in einem roten Jaguar los; nach Mexiko soll die Reise gehen. Der geplante Trip führt allerdings nicht weiter als bis zu einer scharfen Kurve, die Max nicht mehr erwischt. Kopfüber landet der Jaguar auf Emmas Hof.
Emma pflegt Max, und nimmt nebenbei sein Geld an sich. Die Schlächterin kümmert sich um den Sterbenden, und für beide verändert diese Situation das Leben und den Tod. Die zwei Aussenseiter finden nach und nach zueinander, und zwischen Huhn und Sau entsteht ein Glimmen, ein letztes, grosses Glück. Doch die Aussenwelt wird diesem Treiben auf dem Hof nicht lange tatenlos zuschauen...
Kinofilm-Rating
"Each man kills the thing he loves, yet each man does not die." Dieses Zitat von Oscar Wilde könnte man dem Film "Emmas Glück" voranstellen - nur müsste es in diesem Falle heissen: each woman. Gleich zu Beginn erleben wir, wie die Bäuerin Emma eines ihrer Schweine in den Schlaf lullt, bevor sie ihm mit einem gezielten Schnitt die Kehle durchtrennt. Das Schwein hat offensichtlich kaum etwas gespürt - genau so, wie sie es ihm zuvor versprochen hat. Gleichzeitig an einem anderen Ort erfährt der Autoverkäufer Max, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hat.
Emmas Glück ist unmissverständlich ein Film über den Tod, über die Selbstverständlichkeit des Sterbens und über die sanfte Begleitung auf der letzten Reise. Gleich in den Anfangssequenzen wird eine visuelle Analogie hergestellt zwischen der todgebenden Emma und dem todnehmenden Max. Ihre anstehende Beziehung, selbstredend von kurzer Dauer, ist nicht nur eine Entwicklung zwischen zwei Menschen, sondern eine durchaus symbolisch anmutende Paarung auf der Brücke zum Jenseits.
Pures Konzeptkino, möchte man meinen - und liegt falsch. Denn der Film unterlässt konsequent die Sorte von metaphysischen oder philosophischen Betrachtungen, die ein solches Projekt schnell hätten lähmen können. Und genauso konsequent verzichtet er auf unnötige Sentimentalitäten oder auf allzu dicke Abschiedstränen. Vielmehr setzt er den Tod genau dorthin, wo er hingehört: mitten ins Leben. Emmas Glück trägt seinen Titel zu Recht - hier geht es nicht um Trauer und Pech, sondern um Spass, Liebe und Sehnsucht; um das Glück eben.
Wenn die Geschichte von Emmas Glück eine grössere Schwachstelle hat, dann ist es die Absehbarkeit ihrer Wendungen und ihres Schlusses. Denn worauf der Film hinausläuft, ist - pardon - so sicher wie die Steuern und der Tod. Das Drehbuch versucht auch gar nicht, diesen Umstand zu verstecken, sondern gönnt sich stattdessen viele erholsame Rastpausen auf dem vorgezeichneten Weg, und dies in wunderbar warmen Farbtönen. Die beiden Hauptdarsteller erzeugen dabei nicht nur eine glaubwürdige Intimität, sondern bringen enorm viel Witz in die markigen Dialoge, denen eine literarische Qualität nicht abgestritten werden kann. Diese eigenartige Kunstsprache aus dem Buch zu übernehmen, war eine gewagte Sache - denn eins zu eins übernommene Schriftsprache kann auf der Leinwand auch schnell fürchterlich klingen - doch die abgehackten, grob gehobelten Sätze kommen herüber wie ein Gedicht; oder genauer gesagt: wie eine Elegie in Freudentönen.
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3.8 Sterne (11 Bewertungen) | 3 Kommentare



