Elementarteilchen (2006)
Elementarteilchen (2006)
Oder: Wie die 68er die Männerwelt zerstörten
Bruno (Moritz Bleibtreu) und Michael (Christian Ulmen) sind Halbbrüder derselben Mutter wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Bruno unterrichtet Literatur an einer Berliner Schule und hegt sexuelle Fantasien über seine leicht bekleideten Schülerinnen. Als er sich eines Tages ertappt, einer Mitschülerin in einer privaten Minute über die Oberschenkel zu streicheln, und als seine Frau sich wegen seiner Unfähigkeit als Vater von ihm scheiden lassen will, lässt sich Bruno freiwillig in eine psychiatrische Klinik einweisen.
Michael kündigt zur selben Zeit seinen Job an einem renommierten Institut. Er ist Molekularbiologe und will sich nun mit ganzer Kraft seinem aufgrund einer Schaffenskrise unterbrochenem Ziel widmen: Durch Analyse der Reproduktion menschlichen Erbguts die natürliche Fortpflanzung auszuhebeln. Michael ist scheu, introvertiert und sexuell vollkommen desinteressiert.
Die Mutter der beiden (Nina Hoss), eine sexuell freizügige Person der Hippiegeneration, hatte aufgrund ihres Vagabundendaseins und des Drangs zur Unabhängigkeit ihre damals noch kleinen Söhne völlig vernachlässigt. Die beiden sind bei ihren Omas aufgewachsen und sahen ihre Mutter nur selten und unregelmässig. Nicht zuletzt wird dieses Abschieben der Kinder für deren mitleiderregende Entwicklung bis ins Alter von nun fast vierzig Jahren verantwortlich gemacht.
Als das Grab von Michaels geliebter Grossmutter wegen eines Autobahnbaus umgebettet werden muss, reist er in seine frühere Heimat, um sich der Sache persönlich anzunehmen. Dabei schlendert er nachdenklich am Elternhaus seiner Jugendliebe Annabelle (Franka Potente) vorbei, deren Mutter ihn gleich erkennt und ins Haus bittet. Annabelle war in Michael verliebt gewesen, doch sie wartete vergebens auf eine Erwiederung ihrer sexuellen Gefühle, bis sie sich nach der Schulzeit aus den Augen verloren. Und jetzt, über zwanzig Jahre danach, steht sie wieder vor ihm. Nachdem sich die beiden ein wenig über ihre Vergangenheit ausgetauscht haben, kommt das unvermeidliche Thema auf: Beziehungen. Als heraus kommt, dass Michael noch nie mit einer Frau geschlafen hat, verführt ihn Annabelle, und die beiden werden ein Liebespaar.
Bruno wird aus der Anstalt entlassen und denkt sich eine Strategie aus, um seine sexuellen Ansprüche zu befriedigen. Dabei meldet er sich bei einem Esoterik-Nudisten-Camp namens "Ort der Wandlung" an, mit der Hoffnung, die Richtige zu finden. Nach unbefriedigten Massage- und Yogakursen lernt Bruno die sexuell aktive Christiane (Martina Gedeck) kennen, und die beiden verlieben sich.
Kinofilm-Rating
BLEIBTREU, ULMEN, GEDECK, POTENTE, HOSS, OCHSENKNECHT, steht in grossen Lettern auf dem Filmposter. Whoa, welch Staraufgebot! Sogar Tyra Misoux das Porno-Starlettchen soll mitspielen. Und es soll eine Szene in einem Swingerclub geben. Soweit die Mundpropaganda. Michel Houellebecqs Roman "Elementarteilchen" war vor sechs Jahren ein Bestseller. Houellebecq thematisierte damals, wie schlecht die Welt doch zu den Männern ist, eingebettet in erotische Szenen. Der Roman beinhaltete philosophische Teile und war angelehnt an des Autors Autobiographie.
Und nun machte sich Regisseur Oskar Röhler daran, diesen eigentlich unverfilmbaren Roman auf die Leinwand zu bringen. Der Schluss des Buches wurde massentauglich verschönert, das Geficke kam raus, und was übrig blieb sind hundert Minuten Film, welche versuchen, die komplizierten Charaktere Houellebecqs in Bild und Ton zu fassen. Moritz Bleibtreu spielt dabei quasi die gleiche Rolle wie bei Agnes und seine Brüder, einen verzweifelten Enddreissiger der nur ans Vögeln denkt, aber niemanden findet, der mit ihm will.
Es gibt zwar einige komische Szenen welche durchaus eine Prise Humor enthalten, doch der rote Faden beschreibt eine sehr negative Welt. Wer sich nicht (zum Beispiel wie Röhler mit dem sexsüchtigen Bruno) identifizieren kann, dem wird es schwer fallen, die Problematik der Protagonisten zu erkennen und nachzuempfinden. Vielleicht ist es aber auch eine Frage des Eingeständnisses, sich in einer der Rollen wiederzuerkennen, was wiederum nicht jedermans Sache ist. Wie dem auch sei, das Zielpublikum des Filmes dürfte dementsprechend klein sein.
Wie oft bei Buchverfilmungen (wobei Bernd Eichinger nun sagen würde, dass das nicht Buchverfilmung sondern an den Film angelehntes Buch heisst) hinterlässt Elementarteilchen ein nicht sehr kohärentes Bild. Der Eindruck entsteht, dass relevante Sachen getilgt wurden zu Gunsten von anderen, unwichtigen und langweiligen Szenen. Houellebecq-Fanatiker werden Aufgrund des verunglimpflichten Endes aufschreien, und deren Gegner werden den Film ohnehin als weinerlich, frauenfeindlich, reaktionär und gedankenarm abstempeln.
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3.1 Sterne (27 Bewertungen) | 3 Kommentare




