The Bothersome Man - Den Brysomme mannen (2006)
Anderland
The Bothersome Man - Den Brysomme mannen (2006) Anderland
Oder: Taupe ist nicht gleich Azur, oder doch?
In mitten einer kargen, grauen Szenerie hält ein Bus und spuckt seinen einzigen Passagier aus. Der verwirrt wirkende Andreas (Trond Fausa Aurvag) hat keine Ahnung, wie er dort hingekommen ist, wird aber schon erwartet. Das einköpfige Empfangskomitee kümmert sich um ihn. Für Wohnung, Job und frische Kleider ist auch gesorgt und die neuen Arbeitskollegen sind alle sehr nett, wenn auch mit limitierten Interesse für anderes ausser Innendekoration.
Andreas, der nun täglich Zahlen in einen Computer einzutippen hat, macht das Spiel mit und findet auch bald eine Freundin, Anne-Britt (Petronella Barker). Wie die meisten anderen Menschen in dieser kinderlosen Stadt interessiert auch sie sich ausschliesslich für alles, was mit schöner Wohnen zu tun hat. Nach mehreren Nächten mit mechanischem Sex kommen Andreas erste Zweifel. Ist dies tatsächlich ein Leben, das er führen will?
Eine Affäre mit der blonden Ingeborg (Brigitte Larsen) scheint die gewünschte Abwechslung in der allgemein gepflegten Oberflächlichkeit zu bieten. Mit Andreas unendlicher Liebe konfrontiert droht aus der vermeintlichen Frau fürs Leben aber dasselbe Wesen zu werden, das schon zu Hause sitzt und den nächsten gesellschaftlichen Empfang in der gediegenen Wohnung plant. Andreas sieht nur noch einen Ausweg: Selbstmord.
Kinofilm-Rating
Man stelle sich vor, Edward Norton hätte in Fight Club Tyler Durden nie getroffen und Truman Burbank nie erlickt, dass er sich in einer Fernsehwelt bewegt. Das ergäbe eine ungefähre Idee von der Welt, in der sich den brysomme Mannen befindet. Eine farblose Welt, von einer kalten Oberflächlichkeit durchdrungen, in der eine übergeordnete, unsichtbare Macht zum Rechten sieht. Graue Mäuse, deren Alltag von Ikea-Katalogen bestimmt ist, leben darin. Diese Menschen wirken nett, sind es aber nicht. Sie lachen, ohne dass man ihnen ihr glücklich sein abnimmt. Es ist eine Tristesse, der man nicht mal mit Selbstmord entrinnen kann, was wenig verwundert, wenn sogar eigens abgeschnittene Finger über Nacht wieder nachwachsen.
Der Norweger Jens Lien kreiert eine einzigartige filmische Welt, die uns aber trotzdem nicht ganz fremd ist. Man lacht über die vielleicht beste Verwendung einer U-Bahn und ihrer Schächte, wenn sich Andreas das Leben nehmen möchte. Doch danach ist man wieder gefangen in einer Ausweglosigkeit, die westlichen Gesellschaften manchmal eigen ist. Sonnenlicht, Kinderlachen und Nahrung mit Geschmack sind hier off limits. Es ist in der Tat zum verrückt werden.
Der Film basiert auf einem Hörspiel von Peer Schreiner. Doch man kann sich nur schlecht vorstellen, wie diese Geschichte ohne die ausgeklügelten Bildkompositionen funktionieren soll. The bothersome Man gehört zu den besten Filmen des Festival du Film Fantastique in Neuchâtel 2006 (NIFFF) und ist einer der wenigen aus dem internationalen Wettbewerb mit Schweizer Verleih. Die schwarze Komödie wird deshalb hierzulande nochmals zu sehen sein. Hoffentlich von ganz vielen Leuten.
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4.3 Sterne (28 Bewertungen) | 1 Kommentar



