Absolute Wilson (2006)
Absolute Wilson (2006)
Oder: Was für ein Theater!
Der mittlerweile 65-jährige Robert Wilson ist eine der herausragenden Figuren im zeitgenössischen Theaterschaffen der letzten 40 Jahre. Mit Inszenierungen wie der Oper Einstein On The Beach aus dem Jahr 1976 setzte er Meilensteine des avantgardistischen Theaters. Die Hamburger Filmemacherin Katharina Otto-Bernstein heftete sich fünf Jahre lang an die Fersen des rast- und ruhelosen Künstlers. Absolute Wilson ist dabei herausgekommen. Zusammen mit Archivaufnahmen und Interviews verschiedener Zeitgenossen wie dem zeitgenössischen Komponisten Philipp Glass, der 2004 verstorbenen Publizistin Susan Sonntag oder der Opernsängerin Jessye Norman zeigt der Film, wie aus dem schüchternen Aussenseiter aus Waco, Texas ein international gefeierter Meisterregisseur wurde.
Kinofilm-Rating
Otto-Bernsteins Film folgt den üblichen Regeln des dokumentarischen Künstlerportraits: Interviews mit dem Portraitierten wechseln sich ab mit Einblicken in dessen Kindheit (inklusive Vater-Komplex) und dessen jungen Jahre (natürlich in New York), daneben sehen wir Ausschnitte aus seinen Werken sowie diverse Statements von - teilweise prominenten - Weggenossen. So weit, so normal. Den Film aussergewöhnlich macht erst Wilson selbst. Seine Phantasie, seine bahnbrechenden Ideen, die nicht nur in der Theaterwelt für Aufruhr sorgten, seine ihm ergebene Gefolgschaft und sein radikaler Wille zum künstlerischen Ausdruck machen dieses Portrait zu einem spannenden Dokument. Zuweilen wird Wilsons Biographie auf etwas plumpe Weise mit Meilensteinen der Weltgeschichte verknüpft. Natürlich wurde auch er von der 68er-Bewegung beeinflusst. Doch ihn als "68er-Künstler" abzustempeln, würde zu kurz greifen und seinem Werk nicht gerecht werden. Zum Glück begeht der Film diesen Fehler nicht oder nur begrenzt und beschreitet bald wieder andere Wege. Eine zentrale Rolle dabei spielen - und das ist gut so - des Meisters Werke. Besonders spannend sind dabei die Entstehungsgeschichten seines opus magna, "Einstein On The Beach", sowie des monumentalen, für die Olympischen Spiele in Los Angeles 1984 geplanten, jedoch kurz vor Start abgeschossenen Projektes "Civil Wars".
Absolute Wilson ist Pflichtstoff für alle, die zeitgenössisches Theater mögen. Diejenigen, die zwar Theater, nicht aber das zeitgenössische mögen, sollen sich den Film auch anschauen. Vielleicht erleichtert es ein wenig den Zugang zur ungeliebten Materie. Diejenigen, die gar kein Theater mögen - abgesehen davon, dass sich diese kaum in diesen Film verirren - werden wohl weniger auf ihre Kosten kommen. Allerdings ist nicht auszuschliessen, dass ein Mensch wie Wilson auch bei ihnen eine grosse Faszination hervorruft.
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